11. Lesbisch - Schwule Filmtage Hamburg

Die vom Querbild organisierten 11.Lesbisch-Schwulen Filmtage sind mal wieder ein voller Erfolg gewesen.
Das Publikum feierte sich kräftig selbst mit Didine und Blessless bei der Eröffnungsfeier, der Nach/tbar in den ehemaligen Räumen der TAZ Hamburg und der täglichen Berichterstattung auf DIVATV im Hamburger Offenen Kanal.
Es war nicht nur ein rauschendes Fest für die Sinne sondern auch jede Menge Input fürs Interllekt.
Das Programm war denn auch unter kulturpolitischen Aspekten höchst wertvoll, angefangen bei der Chinesischen Produktion von "Man Man, Woman Woman" die enstanden ist, in einer erst jetzt langsam aufkeimenden und sich etablierenden homosexuellen Bewegung in China. Den Koreanischen Film "Memento Mori" musste man den koreanischen Verleihern mit viel Überredungskunst für dieses Festival aus dem Kreuz leiern, weil sie der Meinung waren das die Thematik dieses Filmes mit Homosexualität nix zu tuen hat!
Ein typisches Vogel Strauss Syndrom, wovon auch Detlef Stoffel aus Bielefeld ein Liedchen singen konnte. Der ehemalige Besitzer einer Naturkost-Ladenkette und Filmemacher, erzählte nicht ohne Stolz, das er Mitte der Siebziger `ne Menge Staub aufgewirbelt hat. Abgesehen von der Bildung der ersten Homosexuellen Aktionsgruppe mit reichlich agressivem Auftreten in Hippie-Selbstfindungskreisen und einer engen Zusammenarbeit mit Bielefelder Anarchokreisen, war Detlef Stoffel auch an der Bielefelder Uni aktiv und sahnte Mittel zur Filmförderung ab. Damals, 1975/76, enstand "Rosa Winkel? Das ist doch schon so lange vorbei....", sein erster Film, hochambitioniert und für diese Zeit wohl das beste was rauszuhohlen war. Detlef Stoffel und Rüdiger Lautmannn (einer der Akteure, und seinerzeit Mitglied der Gesellschaft zur Förderung Sozialwissenschaftlicher Sexualforschung) standen nach der Aufführung des Films Rede und Antwort. Ziemlich schnell wurde klar, dass sich nicht nur die Sprache geändert hat, sondern auch die Bedingungen unter denen Filme gedreht werden. So bestand z.B. das einzige, sich offen in der Bielefelder Innenstadt zeigende Homosexuelle Pärchen in Wahrheit aus zwei heterosexuellen Männern. Schier unmöglich war es, Zeitzeugen zu finden, weswegen auch nur Bilddokumente verwendet werden konnten. Das grösste Problem war die Komunikation zwischen den Generationen, "Ex-Häftlinge" aus den KZ`s konnten mit den neuen revolutionären Hippiemethoden nichts anfangen, sie hatten andere Überlebensstrategien. Der Film reisst eine Geschichte der Homosexuellenbewegung und der dazugehörigen Homophobie und Verfolgung bis zu den 70ern an. Über Hitler`s Erlasse, die im Jahre `57 nochmals bestätigt wurden, "Wir reissen Hitler`s Autobahnen ja auch nicht wieder auf!", so Cornie Littmann`s Theatergruppe Brühwarm, bis hin zu Selbsthilfegruppen aus Braunschweig, in denen frei vor der Kamera geschmust wird und vorallem sowas wie Selbstverständlichkeit geübt wurde. 1977 ist Detlef Stoffel dann mit diesem durchaus didaktisch gemeinten Film durch Kino`s und Jugendzentren getingelt, hat aufgeklärt, sich gestritten und sich gegen falsch verstandene bzw. gemeinte libertäre Humanität gewehrt.
Leichter hatte es da bestimmt Michael Ehrenzweig, Produzent des Filmes "Paragraph 175", mit der Recherche. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und die kontinuierliche Arbeit vieler, auch ehrenamtliche arbeitende Menschen die daran beteiligt sind, die Verbrechen der NS-Zeit aufzuarbeiten und sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, Akten wälzen, Gedenkstätten pflegen oder erst einrichten, macht es eher möglich gründliche Nachforschungen zu betreiben und in einen Diskurs über die Zeit des Nationalsozialismus einzutreten.Alleine der Zeitvorsprung ist in diesem Falle ein zweifelhafter, es gibt zwar mehr Bücher und vorsortierte Dokument dafür sterben auf der anderen Seite die Überlebenden weg. So zynisch das klingt, gerade mal zehn Überlebende Homosexuelle hat das Team in Europa finden können, der Rest schweigt entweder oder ist tod. Einer derjenigen, die fast geschwiegen hätten, meldet sich in diesem Film doch zu Wort, und es ist erschreckend seine Wut und seine Agression zu erleben, mit der er diesen Horror immer wieder für uns durchlebt, damit wir nicht vergessen und wir die Parallelen zur heutigen Situation sehen und vielleicht schneller und effektiver reagieren können. Wer`s glaubt wird selig, aber man sollte nie aufgeben und die Arbeit die der französische Überlebende aus dem Lager Schirmak für uns leistet, dankend annehmen. Weil, wie man an Detlef Stoffels Film sehr gut sehen konnte war die Zeit damals noch nicht reif, heute hingegen ist es schon wieder fast zu Spät. Das ganze drumherum, bzw. Vorgeplänkel zum Film und die ewige Selbstbeweihräucherei von Regierungsparteien, Sponsoren usw. ohne die der Film nicht blablabla, will ich hier garnicht weiter beleuchten. Nur soviel, Justizsenatorin Peschel-Gutzeit hat sich, in einem ansonsten ganz passablen Vortrag den ziemlich miesen, aber immer wieder salonfähigen Fauxpas geleistet, der DDR nicht zuzugestehen das sie sich sehrwohl, und zwar schon vor der BRD mit der Abschaffung des §175 beschäftigt, bzw. ihn abgeschafft hat. Zum Schluss noch ein "hübsches" Anekdötchen von Michael Ehrenzweig, zum Thema deutsche Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Ein grosser Teil dieses Filmes ist bestückt mit aussergewöhnlichen dokumentarischen Filmausschnitten aus der Weimarer Republik und dem Naziregime. Lange musste da gesichtet werden und vor allem auch in vielen Archiven auf der ganzen Welt. Und nun kommt der Clou, Deutschland ist das einzige Land, dass sich diese Filmschnipsel bezahlen lässt, es also sozusagen als Recht empfindet, sich für die beschämende Dokumentation von Nazideutschland anständig entlohnen zu lassen.
Die gute Nachricht ist, dass dieses hervorragende Highlight des diesjährigen Festivals es schaffen wird, einen deutschen Verleiher zu finden und vielleicht sogar bis ins Fernsehen kommt. Wer also Interesse hat diesen Film auch im Kino nebenan zu sehen kann bestimmt mehr bei der Festivalleitung unter www.LSFilmtage.de oder mail@LSFilmtage.de erfahren. Arsch hoch, kann ich da nur sagen!!
Weiter gings dann mit dem Film "Living with Pride: Ruth Ellis@100", eine Dokumentation über eine 100 jährige, schwarze Lesbe, also dreifach unterdrückt, die dermassen vor umwerfenden Charme und Lebensfreude sprüht, dass einem nur das Herz aufgehen kann. Wer kann sich schon vorstellen mit 96 noch One-Night-Stands zu haben, kleiner Megastar in der Community zu sein, Selbstverteidigung zu üben, zu joggen und keine Tanzveranstaltung auszulassen. Ruth Ellies tut es und tat es vor allem auch. In ihrem kleinen Haus in Chicago gab sie in den 50ern Bottle-Partys für befreundete Lesben und Schwule, wo sie ausleben konnten, was sie draussen verstecken mussten. Ruth Ellis kann sowohl auf die 30jährige Beziehung mit "Babe", wie auf viele gute Freundschaften, aber halt auch auf unzählige One-Night-Stands zurückblicken. Sie hat 100 Jahre Rassismus, Ausgrenzung und Unterdrückung mit Mut und Würde überlebt, und sprüht so vor Lebensfreude, dass es eigentlich schön wäre, wenn jede/r diesen Film auf Video zu Hause hätte um sich ab und zu mal einen Arschtritt verpassen lassen zu können, wenn man gerade mal wieder ein wenig zu selbstmitleidig ist.
Das schlimme an diesen Filmfestivals ist ja immer, das man sich in wenigen Tagen mit soviel Material vollstopft, das man es zum Schluss garnicht mehr aufnehmen kann. So ist dann auch der auf Ruth Ellis folgende Film an diesem Tag mein letzter gewesen. In "Out-The Making Of A Revolutionary" konnte man die spannende Geschichte von Laura Whitehorn, einer jüdischen Lesbe aus Liberal-Sozialistischem Hause verfolgen. Von ihren Eltern in jeder Hinsicht supportet, entwickelt sie sich zu einem selbstbewussten jungen Mädchen, das schon in jungen Jahren vor `69, mit Petitionen durch die Neighbourhood wanderte um schwarze und weisse Schulen zusammenzuführen, weil sie damals schon ein Gefühl dafür entwickelt hatte, wie ungerecht diese Aufteilung war, und z.B. registrierte, dass die schwarzen Kinder hungrig in die Schule kamen. Später dann lernte sie den Black Panther Fred Hampton kennen, und musste miterleben wie er in seiner Wohnung vom FBI mit zig Kugeln durchsiebt wurde. Spätestens an diesem Punkt, hörte sie auf an Demokratie und das gute Amerika zu glauben und ging in den Untergrund, um nach den Bombenlegungen im Weissen Haus für 14 Jahre eingeknastet zu werden. Dort sass sie dann mit vielen anderen Kämpferinnen ein, und war darauf angewiesen, dass sie draussen nicht vergessen wurde. Das schöne und aufwühlende an diesem Film, ist die Ungebrochenheit mit der Leute wie Laura Whitehorn an die Richtigkeit ihrer Taten glauben, sich nicht haben einlullen, brechen und verladen lassen, wie es doch leider so vielen Revolutionär/innen drinnen, aber auch Nichtrevolutionär/innen draussen passiert ist. Und, es hat nochmal gezeigt, wie wichtig die Unterstützerinnen draussen sind, für die, die immer noch drinnen ausharren und jetzt schon ihr halbes Leben im Knast verbracht haben. Jetzt ist nur noch zu hoffen, dass sich das Publikum im vollbesetzte Metropolis-Kino geschlossen dafür einsetzt, das unsere letzten 6 RAF-Gefangenen, namentlich Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar, Birgit Hogefeld, Eva Haule, Rolf Heissler und Karl-Heinz Dellwo aus Bundesdeutschen Knästen befreit werden. Durch diesen Film ist nochmals klar geworden, wie wichtig es für die Leute drinnen ist, nicht fallengelassen zu werden!
Was in diesem Film nicht beleuchtet wurde, nämlich das Leben in den Knästen, war Mittelpunkt des Filmes "Johnny Greyeyes". Das Leben der Nativ-Americans in Kanada, deren Ausgrenzung und Kriminalisierung, und schliesslich deren Kasernierung in unmenschlichen Frauenknästen ist dort Thema. Die Hauptdarstellerin Johnny Greyeyes aka Gail Maurice war persönlich anwesend und erzählte uns wie sie den Regisseur dazu überreden konnte, ihr eine Liebesbeziehung im Knast zuzugestehen, was den Film für dieses Festival akzeptabel gemacht hat. Die eine Scene in der sie ihren prügelnden Vater über den Haufen schiesst, hätte sicher nicht ausgereicht um das Indiz Lesbisch-Schwul zu erreichen. Auch hier eine dreifach unterdrückte die sich im Prinzip selber spielen kann, nachdem sie den Regisseur "überlistet" hat. Ein wunderschöner Film und eine wunderschöne Frau.
Was die Kurzfilme angeht, könnte ich heulen, dass ich "Chicks with Guns" verpasst hab, der Grund meines Zuspätkommens hat mich allerdings entschädigt. Ein für mich herausragender Kurzfilm war "Baking with Butch" eine schöne Mehrfachverdrehung der Genderverhältnisse, wenn Butches in der Küche stehen und für ihre kleinen Femmehäschen was feines und sinnliches kochen, wo sie doch sonst eher nur zum Pizza bestellen fähig sind, Alfred Biolek ist dagegen ein Waisenknabe.
Ansonsten gab es die gewöhnlichen Coming-Outs und wie man sich die perfekte Familie dafür vorstellt, ein Mädchen beweist Rückrat indem sie ein Bier auf Ex trinkt und ihren Freund versucht beim Flaschendrehen zu verkuppeln, ein anderes Mädchen mit Homosexuellem Kaninchen lässt sich nicht verarschen, im nächsten Film muss ein armes Stoffkaninchen für die Gelüste eines Mannes herhalten, und der schlimmste Film (jaja, auch die gibt's) kam natürlich aus Deutschland / Emden. "Ferne Ufer" war superschmalzig mit schleimiger und humorloser Hetero-Ästhetik. Das Publikum kommentierte den Film dann allerdings so, das er erträglich wurde und kein Massenexodus stattfand bevor der Abend offiziell zuende war.
Leider gibt es einen kleinen, vielleicht aber auch grossen Wermutstropfen. Im November dieses Jahres wird nämlich ein zweites Festival namens "Verzaubert" hinzukommen. Erstmal kein Beinbruch, sollte man meinen, nur ist es so das beide Festivalleitungen inhaltlich in Konkurenz zueinander stehen, sich aber leider nicht ergänzen. Schade, wenn ein Film hier nicht mehr gezeigt werden kann, weil er dort schon versprochen worden ist, zumal es sich fast ausnahmslos um Filme handelt die vielleicht nur einmal zu sehen sind, um dann für immer in der Versenkung und in den Regalen der Verleiher zu verschwinden. Wozu das gut sein soll, hat mir allerdings auch noch niemand erklären können. So ist zu befürchten, das dieses grossartige jährliche Event seine Bandbreite verliert und inhaltlich ausgedünnt wird, da die Sponsoren jetzt schon in Richtung "Verzaubert" abwandern. Bei Sven Jungmann werden sogar "ungute Erinnerungen an Berlin wach". In der Hinnerk schreibt er: "Dort gab es vor "Verzaubert" ebenfalls ein autonomes Lesbisch-Schwules Filmfest, das dann alsbald eingestellt wurde." Ausserdem ist "Verzaubert" nicht nur Kommerziell sondern auch schwerpunktmässig Schwul, im Gegensatz zu unserem LSFilmfest, wo immer auf Parität und Zusammenarbeit geachtet wurde. Hier ist dann wohl die Solidarität der Hamburger Scene gefragt: Nie wieder Nachtbar, nie wieder rauschende Filmpartys in der Flora oder im Absolut? Keine schönen kleinen Politfilme mehr die man sonst nie sieht? "Support your local Filmfest" möchte ich da nur ausrufen was nicht heißt, das man jetzt die anderen filme nicht ansehen sollte. Lieber nächstes Jahr eifrig die Lesbisch Schwwulen Filmtage besuchen und vielleicht auch mal gelegentlich etwas Geld spenden!
Ganz zum Schluss möchte ich euch noch wärmstens den Eröffnungsfilm ans Herz legen. "But I`m A Cheerleader" kommt am 2.November in die Kinos und ist eine erfrischende und sehr warmherzige John Water`s artige Komödie, schrill und bunt, der perfekte Starter für einen der ersten Abende zu zweit?!


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