Mein Lieblingspark

Neulich, eines wunderschönen warmen Frühlingstages ging ich durch meinen Lieblingspark in Altona und geriet da in eine seltsame Szenerie. Plötzlich kam es mir so vor, als ob alle Leute um mich herum etwas seltsam waren als sonst. Der Gedanke kam mir nicht so langsam, wie wenn man beim spazierengehen vor sich hin sinniert, und mehr und mehr zu irgendwelchen dubiosen oder auch total genialen Erkenntnissen kommt, sondern plötzlich, von einer Sekunde auf die andere. Ich ging quasi um die Ecke und da waren sie alle. Im Grunde genommen war es ein Bühnenbild, ein Arrangement, ein Kunstwerk; nicht ganz unähnlich dem, was man mitunter in Alsterdorf, der Örtlichen "Beklopptenanstalt" beobachten kann. Da laufen auch Menschen in Uniformen, und Trillerpfeifen herum und kommandieren irgendeinen imaginären Verkehr über eine imaginäre Kreuzung. Das hat sowas Pantomimenartiges, keiner spricht, aber man gestikuliert und spielt seinen Part. Es hatte was einstudiertes, jede und jeder hatte ihre bzw seine Rolle. Und es sah so aus, als wenn sie auf mich gewartet hätten, schlimmer noch, als wenn jemand von denen Wache geschoben, um den anderen ein Zeichen zu gegeben - alles auf die Plätze, sie kooohoommt!!
Ein Typ im Busch jagte mir einen furchtbaren Schreck ein, als ich um die Ecke kam..... da stand er, mitten im Busch - ich frage den oder die geneigte/r Leser/in, was denkt man als erstes, wenn man einen Mann im Busch sieht? Ich sag ihnen mal was ich so denke. Es kommt eine Erinnerung bei mir hoch........
Als ich blutjunge 9 Jahre alt war ging ich für gewöhnlich am Nachmittag auf meinen Stammspielplatz oben auf dem Berg. Er war nix besonderes, die Umgebung machte eher die Musik. Der Berg von dem ich spreche war nämlich ein Ausläufer des Teutoburger Walds und die Burg keine geringere als die Sparrenburg. Das läd natürlich die Fantasie ein sich auszuleben, und wir Kinder haben da oben ne Menge Spass gehabt.
Zum Beispiel gab es da einen Stein, bestimmt irgendwas hoch historisches aus der Unterjura, aber das war uns natürlich egal, der Stein hatte einfach die richtige Grösse für uns. Man konnte durchaus z.B. drauf klettern und schmerzhaft runterfallen. Er hatte kleine Höhlen wo eins von den Kröten prima reinpasste und die anderen erschrecken konnte, wenn sie versuchten möglichst leise den "Berg" zu umrunden um auf der anderen Seite Gefangene zu machen.
Jahre später sollte ich mit meiner damals noch verhassten Handweberkollegin Renate - die ich nie wieder los wurde, dafür aber zu meiner meine beste Freundin - auf diesem Stein sitzen, und mit Aquarellfarben Naturstudien betreiben.
Aber ich schweife ab, der wahre Grund für diese Spielplatzepisode war ja der Mann im Busch. Ich spielte also selbstvergessen, kochte als Sqwa meine Gras- oder wahlweise auch Sandsuppe und wartete geduldig auf Winnetou, als mich das untrügliche Gefühl überkam dringend pullern zu müssen. In Bielefeld hiess das seinerzeits pinkeln, aber das klingt mir mittlerweile zu odinär für meine hanseatischen Ohren. Ich kroch also ins Gebüsch, suchte mir ein geeignetes Plätzchen und machte es mir, in der für kleine Mädchen üblichen Hockstellung gemütlich, als ich plötzlich das todsichere Gefühl bekam beobachtet zu werden. Ich sah mich um und tatsächlich, da stand ein Typ mit offener Hose und einer Plastiktüte in der Hand. Er fummelte an seinem Gemächt herum und sagte, "Na, jetzt hab ich dir meins gezeigt, jetzt musst du mir deins auch zeigen." Als wenn er mich damit erpressen könnte wenn er mit seinem schrumpeligen Ding vor meinem Gesicht herumwedelte. Nein, was mich viel mehr dazu brachte ganz schnell das Weite zu suchen, war seine Plastiktüte, bzw. der Inhalt, den ich nicht sehen konnte. Irgendwas sperriges musste drin sein, weil sie nach allen Seiten ausbeulte, ein bischen sah es so aus als wenn er da Werkzeug mit sich rumschleppte. Folterwerkzeuge! Dachte ich nur, raffte meinen Schlüpfer und gab Fersengeld. Fragt mich nicht wie ich in dem Alter zu solchen Fantasien kam, aber mir kamen sofort mittelalterliche Folterszenen in den Sinn, wahrscheinlich hatte ich mal aus Versehen ein Bild von Hironymus Bosch in die Finger bekommen. Der Dödel war nicht das Problem, meine Fantasie schon eher, die Vorstellung wo dieses Arschloch überall an meinem Körper Schraubzwingen anbringen könnte, jagdte mir so einen monstermässigen Schrecken ein, das mir Angst und Bange wurde.
Gleichzeitig war ich beschämt, weil eigentlich war ja nichts passiert. Das schlimmste spielte sich ja bei mir im Kopf ab, und das konnte ich doch niemandem vorwerfen, oder? Also erzählte ich zu Hause auch nix davon. Wäre sowieso nicht meine erste Adresse gewesen, in solchen Fällen, aber das steht auf einem anderen Blatt.
Es war also geradezu ein traumatisches Kindheitserlebnis, das mich als Dejavue plötzlich und unerwartet in Form eines uniformierten Hamburger Wasserwerke Angestellten ansprang, der an irgendeinem, im Gebüsch versteckten Hydranten herumhantierte und auf Geheiss eines Experten handelte, der wiederum in dem Springbrunnen des Parks stand, wobei wir zu der zweiten Seltsamheit dieser nachmittäglichen Parkszenerie angelangt sind.
Mein Gott, ich will ja wirklich nicht übertreiben, aber dieser dämliche Springbrunnen war zwar vom Umfang her relativ gross, aber dafür nur knietief, also weit davon entfernt ein Wildwasser zu sein. Und der Mann im Brunnen war der Chef von dem Mann im Busch, was heisst, selbst wenn es den Mann im Busch gejuckt hätte den Mann im Springbrunnen nass zu machen, hätte er es niemals getan weil er wahrscheinlich bei den heutigen Verhältnissen seinen Job losgewesen wäre (kleiner Scherz). Der Mann stand also mit gebührenden Respekt zu der Wasserfontäne, die vergleichbar mit einer besseren Dusche war, am Rand des Beckens, und hatte an diesem relativ warmen Frühlingsnachmittag einen olivfarbenen Ganzkörperanzug an, der aussah als wenn er schon bei der grossen Flutkatastrophe 1976 dabei gewesen wäre. Mit einem winzigen Schraubenzieher bewaffnet schlich er sich an dieses nasse Ungeheuer heran, um wahrscheinlich irgendwelche Renovierungs- oder Wartungsarbeiten zu vollziehen. Eigentlich ist bis jetzt nichts besonderes an der ganzen Geschichte, weil diese Handwerker- und Fachidioten Gilde kennt man ja. Es ist zwar immer wieder amüsant sich Anekdötchen über sie zu erzählen, aber ich wäre nie so gemein, sie als wirklich, im pathologischen Sinne für Bekloppt zu erklären. Obwohl, naja, ich würde da vielleicht die eine oder andere Ausnahme machen wollen. Aber fairerweise gehören dazu meistens mehr als die 10 Sekunden, die ich diese Typen im Park beobachtet habe. Es sah nur so verdammt wired aus, wie der Mann da, gegen alle Katastrophen gewappnet, in diesem besseren Planschbecken stand.
Nun gut, in dem Moment, als ich einen weiteren Typen an einem Mülleimer mit Müllbeuteln hantieren sah, glaubte ich kurz an eine Wahrnehmungstörung meinerseits. Weil hier hatten wir es allerdings mit jemanden zu tun, der in irgendeiner Form behindert war. Ich will jetzt wirklich nicht diskriminierend sein, aber der Mann sabberte und stand in dieser typischen X-beinigen Haltung da, die Hose bis zu den Brustwarzen hochgezogen, in die Innentasche seiner Jacke hatte er versucht eine dieser Orangefarbenen Arbeitswesten zu stopfen. Ihr kennt die Dinger, sie sind aus Plastik und relativ sperrig, nichts was man sich in eine Jackettinnentasche steckt. So quoll denn auch mindestens 80% der Weste heraus.
Ich denke das war auch ok, es war nun auch wirklich keine Gefahr in Verzuge. Die wildgewordene Raser waren nebenan auf der Strasse, die Fontäne würde schön an ihrem angestammten Platz bleiben und nicht plötzlich anfangen auf wildfremde Leute oder Park-Mülleimer-Auslehrer losgehen, die Vögel zwitscherten fröhlich ihr Lied und die Sonne schien gar lieblich.
Das schien auch einer Frau viel wichtiger zu sein als alles andere.
Ich wär wahrscheinlich an ihr vorbei gelaufen, wenn sie nicht ganz und gar in blendenden Weiss gekleidet gewesen wäre. Es sah nur absolut nicht stylisch aus, da ihre Jacke aus weissem Leinen nicht nur nicht gebüglelt, sondern total zerknittert war. Das besah ich mir näher, von unten nach oben quasi, bis ich zu ihrer Kopfbedeckung gelangte. Ein Basthütchen, wo auf der anderen Seite die ich noch nicht richtig sehen konnte etwas befestigt war, was mich so sehr in den Bann zog, das ich um sie herum gehen musste, um mir das Arrangement anzugucken. Es war ein Platzdeckchen, natürlich in weiss, wie der Rest an ihr, aus Topflappenbaumwolle gehäkelt, irgendwie kunstvoll an das Basthütchen drapiert, schamlos keck nach oben ausgerichtet. Sie merkte nichts von meiner Neugier, sie war ganz entrückt, guckte in den Himmel und in die Bäume und hatte ein sehr zufriedenes Lächeln auf den Lippen.
Eine andere, japanisch aussehende Frau, sass in einer Position mit unglaublich verdrehten Beinen auf einer Parkbank und schlief. In meinen Augen sah das absolut schmerzhaft aus, was sie da machte, aber ihr nickte tatsächlich immer wieder der Kopf weg, wie bei Leuten die im sitzen schlafen.
In diesem Moment hatte ich quasi das Teilstück des Park durchquert, musste 2-3 Stufen erklimmen und gelangte dadurch in einen anderen Teil. Mit anderen Worten, ich hatte das Theater verlassen. Schon auf der ersten Parkbank sass ein ganz normaler Penner mit seinem Astra und grunzte mich zufrieden an, ein Stück weiter hinten wurde gebowlt, zwei Mütter rauchten und dschuckelten ihre schlafenden Babys herum, auf dem Spielplatz sassen drei jugendliche und rauchten ebenfalls, ein Schäferhündin pisste in die Rabatten und ihr Herrchen stand daneben. Alles war ganz normal und wieder beim alten, und ich muss gestehen, ich fands ganz angenehm

Hier noch eine kleine Zeichnung des Parks,
Das grosse in der Mitte ist der Springbrunnen,
die schmalen Kästchen sind die Parkbänke,
und die runden Dinger die Mülleimer.
Der Mann im Busch war ganz unten rechts im
Bild und von da betrat auch ich diese Szene.
Links oben verliess ich sie wieder.
Die Japanerin sass auf der oberen linken
Parkbank. Der Mann am Mülleimer stand auf
der linken Seite, die entrückte Frau ein paar
Meter weiter, der Mann mit dem
Ganzkörperanzug stand im Brunnen.

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