Orgasmusgeschichten
Annette Berr
Seien wir mal ehrlich,
bei diesem Buch von Anette Berr handelt es sich nicht um erotische Geschichten,
sondern um knallharte Pornos. Na toll, da steh ich als frischgebackene
Kritikerin vor einem riesen Problem. Wie zum Teufel beschreibt einen
Porno für eine solide Zeitung??!! Soll ich die Anzahl der Orgasmen
aufzählen die ich hatte während ich das Buch widerwillig zur
Seite legen musste um bei mir selbst Hand anzulegen. Soll ich mit irgendwelchen
Superlativen wie Potenz, Gewalt und Macht kommen, um zu beschreiben
was in den Buch vorkommt und worum es geht?
Ich fange mal so an, ich hab lesbische Literatur immer spannend und
aufrengend gefunden, wenn sie nicht allzu blümchenmässig,
esotherisch und blutleer daherkam. Wer will schon dabei sein, wenn frau
zum x-ten mal versucht, grosse Gefühle zu beschreiben, wobei sie
sich windet und umschreibt und metaffert was das Zeug hält, obwohl
es in Wahrheit doch nur um Mösen, Titten, Faustfick`s, Saftmenge
und Klitorisse geht. "Sie troff und stöhnte, schwamm mir unter
den Händen entgegen und löste sich in Flüssigkeit auf."
Und doch geht es, wie bei den Heten auch, um Macht, wer was darf und
kann, um Potenz, um Zurückweisung, Bindungsangst, zugeschriebene
oder selbstgewählte Rollen, das Überwinden von inneren Schweinehunden,
Überschreiten von Grenzen und das "Weitspucken auf verliebte
Herzen!" halt eben.
Und genau das versteht Annette Berr auf fast übermenschliche Art
mit einer Mischung aus Humor und Direktheit zu vermitteln, das es nur
so kracht!! Dabei bleibt sie auf herrlich fantasievolle Weise so ehrlich,
das man ihr alles abnimmt.
So auch die Geschichte von "der weiblichen Mephisto, einer Frau
Gründgens, die Faust." Mir geht bei sowas ja das Herz auf,
und die Beschreibung dieser Dame öffnet jeder Fantasie Tür
und Tor. Und was jene dann später mit der Ich-Erzählerin macht
ist halt wirklich keine Erotik mehr sondern knallharte Pornographie...............
"Ich will, dass du vor Geilheit heulst. Ich will, dass du um meine
Faust bettelst. Ich will, dass du willst, dass ich dich ficke, bis dir
die Möse in Fetzen runterhängt." Und das, liebe Leute,
ist erst der Anfang!!
Beim lesen von Annette Berr`s Geschichten ging es mir oft so, wie wenn
ich mit Feundinnen an meinem Küchentisch sitze und wir uns Geständnisse
machen über rasierte Mösen und Fickfantasien, die halt eben
einfach nur Fantasien sind und nicht dazu da, verwirklicht zu werden.
Manchmal denke ich, man kann nicht oft genug darauf hinweisen, es aussprechen,
sagen und erklären, was es mit diesen Gedanken auf sich hat, die
man sich beim Masturbieren macht. Viel zu viele Frauen halten sich deswegen
immer noch für pervers, und haben ein schlechtes Gewissen!
Und so kommen denn auch bei allem Gerede von arschfickenden Handwerkern,
die Männer in den zwei Geschichten über Heterosex ganz schlecht
weg. Da sind wir dann wieder in der Realität, und die sieht garnicht
geil aus. Da wird klar wie alienhaft das andere Geschlecht sein kann,
und wie missverstanden man/frau sich bei Heterosex fühlen kann.
Und wie toll das Gefühl sein kann, nach Hause zu kommen, wenn Frauen
mit Fauen schlafen.
Annette Berr bestätigt für mich nochmal, was ich die ganze
Zeit denke, nämlich das homoerotische Erfahrungen zur Pflicht für
jede/n Hetera/o gemacht werden sollte. Was Lesben über dieses Buch
denken weiss ich nicht, für mich sind diese Erzählungen mit
das erotischste was ich jemals gelesen habe.
Noch nie habe ich mich bei lesbischer Literatur so prächtig amüsiert,
wie bei dieser. Ich habe gelacht, geschmunzelt, gegrinst, grunzend zugestimmt,
nach Luft geschnappt, bin Rot geworden, und naja, über meine multiple
Orgasmusfähigkeit hab ich ja oben schon ein Geständnis abgelegt.
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