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Es war einmal Städtchen
im Norden Deutschlands, nicht ganz unbedeutend für die musikalische
Entwicklung dieses kleinen Landes, weil dort einige wichtige Bands arbeiteten,
die sogar über die Grenzen hinaus Erfolg hatten. Aber nicht nur
Bands, wie Die Sterne, Blumfeld und Egoexpress machten von sich reden,
sondern auch sogenannte Soundsystems, wie Silly Walks, U-Site, Ruff
Cutz und das Link Projekt sprossen aus dem Boden wie Pilze. Sie machten
jedes Wochenende Partys und hatten coole Clubs wie das Basement, die
rote Flora und den Tempelhof, so dass man manchmal nicht wusste, wo
zuerst hingehen.
So ergab es sich eines wunderschönen Tages, dass die Patinnen aka.
Donna Neda und Donna Maya auch in einem dieser supercoolen Clubs auflegten,
während zur selben Zeit eine weitere DJ, namens Luka Skywalker
Partys in wechselnden Locations organisierte. Zur selben Zeit allerdings
machten sich diese DJ`s und eine weitere Frau, Marga Glanz, die in einem
angesagten Plattenladen ihr Dasein fristete unabhängig voneinander
so ihre Gedanken. Ist es nicht komisch, das die ganze Stadt von Männern
aufgeteilt ist, und die paar Frauen, die es gibt, einzelkämpferisch
vor sich hinpuzzeln und nicht so richtig zu Potte kommen? Jede für
sich war mindestens genauso gut wie ihre männlichen Kollegen, hatten
aber lange nicht so viele Möglichkeiten wie sie.
Also ergab es sich, das diese Frauen sich trafen, und selber ein Soundsystem
gründeten. Top Ten wurde aus der Taufe gehoben, sie mussten etwas
suchen um sechs weitere DJ`S zu finden, aber mit Geduld und Spucke waren
sich dann die Neune einig. Der Zehnte Platz wurde für Gäste
aus anderen Städten und etwaige Zusammenarbeiten vorbehalten. Das
Konzept wurde geschrieben und der Öffentlichkeit preisgegeben.
Die Presse stürzte sich drauf wie eine Horde verhungerter Wölfe.
Sowas hatten sie noch nie gesehen, dachten sie, und schrieben sich in
ihrer Unkenntnis die Finger wund.
Top Ten sollte es recht sein, sie bekamen endlich die Aufmerksamkeit,
die ihnen gebührte. Sie hatten endlich die Chance mal etwas grössere
Partys zu organisieren, als Residents einen kleinen aber feinen Club
zu rocken, sie wurden sogar eingeladen auf anderen Partys aufzulegen
und sie machten eine kleine Tour über Deutschlands Grenzen hinaus.
Bald folgten andere wie das Label Flittchen Records aus Berlin, von
den Ex-Lassie Singers Almut und Christiane, die sich vornahmen nur Frauendominierte
Bands rauszubringen. Bernadett Hengst von der Braut haut ins Auge eröffnete
BH-Booking und machte sich daran, vorwiegend weibliche Bands und DJ`s
zu buchen. Wir hatten alle das Gefühl, jetzt ändert sich endlich
was, und wir greifen uns gegenseitig unter die Arme, machen von uns
reden und auf uns aufmerksam.
Und so waren alle glücklich und zufrieden.
Soweit die Mär. Leider gibt es in Märchen fast immer einen
Haken, und der liegt meistens im System.
Da wäre zuerst die Presse zu nennen, die immer noch fest in männlicher
Hand ist, und somit auch aus einem männlichen Blickwinkel schreibt.
Es gibt fast kein Beispiel, wo das Projekt Top Ten nicht verniedlicht,
falsch verstanden und in falsche Kontexte gesetzt wurde. Viel zu oft
sind wir entweder als männermordende, frigide Emanzen oder als
kleine Möchtegern DJ-Kaffekränzchen, die nur mit dem Bauch
auflegen und nicht richtig mixen können, beschrieben worden. Die
Verwirrtheit bei der männlichen Journaille ist riesengross und
es will und will kein Lerneffekt eintreten. Dabei ist doch alles ganz
einfach, Jungs!
Guckt euch doch mal um. Was ihr seht sind Kollegen, aber weit und breit
keine Kollegin, höchstens 1 oder 2 pro Blatt, Label oder Clubscene.
Frauen kommen nicht vor. Wenn, dann nur marginal. Wenn ihr das nicht
ungewöhnlich findet, und meint, dass wäre der normale Zustand,
weil Frauen das ja auch nicht so gut könnten oder sogar wollten
wie ihr, könnt ihr jetzt vielleicht noch was lernen.
Top Ten, Flittchen Records und BH-Booking haben alle das gleiche im
Sinn, nämlich dem all umfassenden Oldboys Network, welches ihr
verkörpert, etwas entgegen zu setzten. Der Zusammenschluss von
Menschen die gleiche Interessen haben, um diese besser und mit mehr
Macht durchsetzten zu können, ist `ne uralte Tasse Tee. Und kommt
mir jetzt nicht mit eurer blöden Kapitalismuskritik. Ein guter
Freund und Marx-Kenner hat sehr lange suchen müssen, bis er endlich
bei Lenin einen kurzen Abschnitt in einer Art Leserbrief, zur Frauenfrage
gefunden hat. was er da schreibt ist für die Zeit zwar leidlich
feministisch und revolutionär, aber mir zu wenig, um mich damit
zum brillionsten Mal mundtot machen zu lassen. Bei dem Thema, wie der
Kuchen aufgeteilt wird, darf die Frauenfrage kein Nebeneffekt sein,
sondern muss zur Hauptsache werden. "Reingehen und aufmischen"
ist die Devise, aber das geht nur, wenn man dich auch hört. Hören
wird man dich nur dann, wenn du mit Macht sprechen kannst, und nicht,
wenn du eine kleine piepsige Bittstellerin bist. So ist nun leider das
Gesetzt. Vergesst nicht Jungs, ihr habt`s gemacht. So, fucking deal
with it! Oder ändert es, aber zählt dabei nicht auf meine
Hilfe.
Zum Schluss bleibt mir noch, etwas über den Coolness-Factor Feminismus
zu sagen. Lange ist es her, dass Feministinnen gleichzusetzten waren,
mit lila Latzhosen und Befindlichkeitsrunden. Die neue Feministin im
Musikbuiseness sieht gut aus, hat Sex, kann mixen, Instrumente spielen,
sich auf der Bühne bewegen und denkt darüber nach wie sie
ihren Schwestern helfen kann, wenn sie es geschafft hat, plant Netzwerke,
geht rein und mischt auf..............
Zieht euch warm an, Jungs!!!
Top Ten treffen sich informell, planen momentan eine grosse Party, und
bestreiten nachwievor den Freitag im Golden Pudel Club zu Hamburg. Flittchen
Records bringen demnächst ihren zweiten Sampler raus. BH-Booking
kann sich vor Arbeit kaum retten. Das Frauenmusikzentrum in Hamburg
organisiert jährlich ein grosses mehrwöchiges Musikerinnenfestival,
Symposien` zum Thema und plant den "Salon Separee", wo Männer
nur bedingt zugelassen sind, um sich auszutauschen und gegenseitig zu
unterstützten.
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