| Können
wir jetzt endlich mal über Musik sprechen...??!!!
Luka Skywalkers Tourtagebuch
oder
ein etwas zu lang geratener Leserbrief an Volker Marquard und die Süddeutsche
Zeitung
Lange hab ich mit mir gehadert. Soll ich einen Artikel für die
Testcard schreiben, oder soll ich mir nicht doch lieber einen Zusammenhang
suchen, der mir adäquater erscheint, wie z.B. ein Fanzine, das
von Frauen produziert wird. Soll ich überhaupt schreiben? Schliesslich
bin ich eine Musikerin und Künstlerin, also auf der Macherinnenseite.
Nichtsdestotrotz hab ich mich natürlich mit den Artikeln, die über
mich und all die anderen Frauen geschrieben worden sind, auseinandergesetzt,
und war oft genug wütend darüber und nur selten erbaut. Aber
warum zum Teufel ist das immer noch so im Jahre 10 nach dem Rrrriot?
Liegt es tatsächlich daran, dass immer noch nur Männer schreiben
und sie immer noch nichts dazu gelernt haben? Nichts gelernt von Clara
Drechsler die mit ihrem Menstruationsblut Wörter, die frau nicht
in den Mund nehmen sollte aufs Papier gekotzt hat? Nichts gelernt von
den Grether`s, die begeisterndes Fantum zu Papier brachten. Waren es
einfach zu wenige, war es zu unnormal, zu ausserordentlich? Irgendetwas
sollte passieren, und man sollte seinen Teil dazu beitragen, dass sich
etwas ändert. Wir sollten endlich anfangen über Musik zu schreiben
und unsere eigenen Definitionen liefern.
Aber wo anfangen? Zuviel Brast hab ich in mir, als das ich jetzt plötzlich
ganz cool anfangen könnte, über Musik zu schreiben, einfach
so, als wenn nichts passiert wäre, bzw. als wenn was passiert wäre.
Das ist ja gerade das Problem, nichts ist passiert, seitdem all die
Clara`s und Grether`s mehr oder weniger frustriert aufgegeben haben,
da kein Lerneffekt eingetreten ist.
Und genau diesen Brast sollte ich mir ersteinmal von der Seele schreiben,
sagte ich mir, und tat es einfach:
Schon einmal wurden Top Ten von Volker Marquardt für einen Artikel
in der Taz interviewt. Top Ten ist ein Zusammenschluss von neun DJ`s,
ein Netzwerk sozusagen und strictly female. Als ich anfing Platten zu
legen, träumte ich immer von Netzwerken ala "G-Point"
aus Berlin. Hatte ich gerade das fiese Rockbuisness hinter mich gelassen,
um als lonesome Cowgirl hinter den Desk`s zu stehen, wehte mir ein noch
härterer Ignoranzwind entgegen, als ich bis dato jemals erlebt
hatte. Also organisierte ich Partys, auf denen nur female DJ`s, meine
Freundinnen sozusagen auflegten, und wir rockten schwer das Haus, sag
ich euch. Nach kurzer Zeit machte sich bei mir der unausweichliche Erschöpfungszustand
breit, schliesslich bekamen ich nie Geld für meine Bemühungen
und es war `ne Menge Arbeit, solche Partys zu organisieren. Marga Glanz
registrierte das und initiierte dann das erste Treffen von weiblichen
DJ`s in Hamburg, um zu überlegen, ob wir nicht was zusammen machen
könnten. Top Ten wurde aus der Taufe gehoben, wir schrieben Infos
und Konzepte, nahmen uns gegenseitig zu DJ-Gigs mit, übernahmen
den Freitag im Golden Pudel Club, organisierten Partys auf denen 1000
Leute bis in die späten Morgenstunden immer noch nicht den Hals
vollkriegen konnten, tourten bis in die Schweiz, und wir gaben natürlich
auch Interviews. In der Zeit kam unser erstes Interview mit Volker Marquard
zustande. Ungefähr zwei Jahre später sollte er dieses Gespräch
als Grundlage für den Artikel in der Süddeutschen am 27.3.99
benutzen, ohne sich nochmal die Mühe zu machen, neue Informationen
einzuholen. Wie man bekanntlich weiss, kann in ein oder zwei Jahren
so einiges passieren, so auch bei Top Ten. Nur ein kleines Beispiel,
wir hatten uns schon seit drei Monaten aufgelöst!
Wie auch immer, der Artikel war leidlich gut, frau hat ja garnicht so
grosse Ansprüche. Eine kleine Bestandsaufnahme von der derzeitigen
Situation in Hamburg und ein bischen Geschichte über weibliche
DJ`s.
Aber dann wendet er sich den Patinnen zu. Zwei Frauen aus Hamburg, Donna
Neda und Donna Maya, sind jeweils auf House und Drum`n`Bass spezialisiert.
Ihre erste gemeinsame Platte heisst "Murder Beats Vol.I",
s.a.Plattenkritik in diesem Heft.
Zitat: "Manche Frauen hat der Kampf um die wenigen DJ-Plätze
hart gemacht. Als die Patinnen......begannen sie eine veritable Vendetta
gegen Kollegen. Auf ihrem Debütalbum berichten sie von ihrem blutigen
Kampf, der sich zur "most powerful crime family behind the turntables"
gemacht habe. Nach dem Vorbild der Mafia wollen sie zu düsterem
Drum`n`Bass alle offenen Rechnungen begleichen. Kaum verschlüsselt
tauchen im Booklet der CD die Adressaten auf: DJ-Kollegen, alles Männer."
Das sollte einem doch die Sprache verschlagen, handelt es sich bei dem
Autor doch um einen erwachsenen, und soweit ich weiss, nicht komplett
unterbelichteten "Schreiberling". Plötzlich verliert
er jeglichen Humor, und meint das Konzept "Mafia", das bei
den Patinnen bis ins Letzte konsequent durchgehalten wird, wie z.B.
Respecterweisungen vor denselben; sowie aber auch Exekutionen, ernst
nehmen zu müssen. Ein uraltes Kunstkritiker-Fettnäpfchen,
wenn die Kunst mit der Realität vertauscht wird. Plötzlich
verliert der Beobachter die Objektivität, wird zum Subjekt, fühlt
sich angegriffen. Das passiert leider sehr oft, wenn es um weibliche
Künstlerinnen geht.
Obwohl, eigentlich sollte frau sich langsam aber sicher an solche Ausfälle
gewöhnt haben. Das Thema "Frau im Musikbuisness" ist
ja schliesslich schon ein Paar Jahre auf dem Journalistenmarkt. Trotzdem
scheint mir die Zeit noch nicht lang genug zu sein, sonst müsste
doch mittlerweile ein gewisser Lerneffekt eingetreten sein.
Ich erinner mich immer wieder "gerne" an mein erstes Interview,
schlappe sieben oder acht Jahre muss das jetzt her sein. Zu dieser Zeit
hatte ich diese All-Girl Band namens "Pale Biskids". Wir hatten
gerade in Eigenregie unsere erste Single gepresst; 500 zitonengelbe
7" mit selbstgebastelten Covern und wir waren mächtig stolz
darauf. Also gingen wir zu diesem Jungen, der ein ebenso selbstgebasteltes
Fanzine herausbrachte, und gaben unser erstes Interview. Es wäre
wirklich zum Schreien komisch, wenn es nicht so tragisch gewesen wäre,
aber der Junge fragte uns circa zehnmal hintereinander, wie es denn
so wäre, als Frau auf der Bühne zu stehen. Wir gingen darauf
ein, schliesslich war es für uns das erste Mal, das wir uns überhaupt
mit dem Thema "Frau auf der Bühne" beschäftigten.
Ehrlich, wir hatten uns da keine Gedanken drüber gemacht, warum
auch! Aber offensichtlich brachten wir für ihn keine befriedigenden
Antworten zustande, weil er auf dem Thema herumritt, bis uns schliesslich
der Kragen platzte. Und wir hatten uns wirklich Mühe gegeben. Über
Musik haben wir dann eigentlich garnicht mehr geredet, das interessierte
den Interviewer wohl auch nur perifer.
Leider hat sich das in den folgenden Jahren nicht so richtig weiterentwickelt.
Es gab natürlich Ausnahmen, wie z.B. Michael Ruff, der zeitweise
einfach Fan von unserer Band und ihrer Musik war, und den das überhaupt
nicht interessierte was für ein Geschlecht wir mit uns herumtragen.
Das äusserte sich dann so, dass man höchstens in einem Nebensatz
erfuhr, dass wir eine Girl-Band sind, manchmal wurde das erst klar,
wenn ein Foto von uns abgedruckt wurde.
Selbst Jahre später, als ich mit der LP von meiner Band Brüllen
auf Interviewtour war, erblödeten sich doch so einige Journalisten
mich zu fragen, wie ich mich auf der Bühne / in der Band so fühle.
Mal angenommen, man liesse nur für den Bruchteil einer Sekunde
die logische Gegenfrage zu, müsste eigentlich jeder vor Scham in
den Boden versinken. Über meinen Part als Bassistin und Drittel
dieser Band wurde oft nur geredet, weil Christof, mein Bandkollege darauf
bestanden hat. Ich will mich ja garnicht beschweren, später hab
ich dann in den jeweiligen Artikeln über unsere Band noch oft genug
gelesen, dass ich keinen schlechten Job am Bass gemacht habe, und massenweise
Komplimente eingesackt. Aber sich face to face damit auseinander zusetzten
scheint nach wie vor ein Problem zu sein. Übrigens, es wird niemanden
wirklich wundern, aber ich möchte es trotzdem erwähnen, dass
von den circa zwanzig Gesprächen, die wir mit Musikjournalisten
geführt haben, nur eins mit einer Journalistin war.
Zurück zu Volker Marquard und der Süddeutschen. In dem Absatz
, der den Artikel beschliesst, beweist er nochmal wie gründlich
er das Konzept der Patinnen missverstanden hat, indem er einfach alles
unter "Männerhass" subsummiert, und dabei noch mal flux
eine DJ-Kollegin auf seine Seite zieht um seiner These Nachdruck zu
verleihen. Zitat: "Einen derartigen Männerhass kann auch Babara
Hallama....... kaum nachvollziehen." Gleichzeitig aber versucht
er sich als kompetenten Ratgeber aufzuspielen, Zitat: "Dabei richtet
sich ihr Zorn im Grunde gegen die falschen. Denn die Entscheidungen
werden auf einer ganz anderen Ebene getroffen: bei den Betreibern respective
den Besitzern der Eliteclubs." Aaaaaaha! Danke Volker!
Ich will die Betreiber allermöglichen Schaltstellen weiss Gott
nicht in Schutz nehmen, die machen sich oft genug in die Hose wenn sie
Frauen engagieren sollen. Aber Volker, nun frage ich dich, bist du von
Kollegen schon mal so richtig amtlich gelinkt worden? Hast du schon
des öfteren erlebt, das du was für sie tust, und sie dich
geradezu methodisch vergessen, wenn sie etwas für dich tuen könnten?
Gerade im Bereich Musik, egal ob Bands oder DJ`s, du bist auf funktionierende
Netzwerke angewiesen. Wie du mir so ich dir, hilfst du mir, helf ich
dir. Wenn das nur einseitig funktioniert, bist du aufgeschmissen. Ich
sags ungern, aber nicht ohne Stolz, mit Frauen passiert mir das fast
nie, mit Männern leider viel zu oft.
Dann noch ein paar Anekdötchen zum Thema Respect, welches ja auch
"Die Patinnen" behandeln:
Kommt ein Typ während deines Gigs auf die Bühne, will auch
Platten auflegen, jetzt sofort, und zwar mit deinen Platten.
Du schliesst eine Anlage komplett an, zum Schluss kommt der Techniker
an, und will dir erklären wie der Crossfader funktioniert.
Du gestaltest mit einem Kollegen einen Clubabend, und am Ende realisierst
du, dass er doppelt soviel Gage bekommt wie du.
Ein Mixer kommt während eines Konzertes, inmitten eines Stückes,
auf die Bühne und will deinen Bassamp leiser drehen, weil er der
Meinung ist, du bist zu laut. Ein anderes mal dreht der Mixer den Bassamp
einfach aus !!!
Stagehands stellen die gesamte Backline auf die Tanzfläche, während
du verzweifelt versuchst dem Rockpublikum mit Housemusik den Horizont
zu erweitern.
Eine Schlagzeugerin baut ihr Set auf und probiert ein bischen darauf
rum, kommt der Techniker an, und fragt sie, wo der Schlagzeuger ist.
Du versuchst deine Party in der lokalen Szenezeitung anzukündigen,
ein Tagestip wird mit der Begründung abgelehnt, dass diesen Monat
schon eine Veranstaltung läuft, auf der Frauen auflegen.
Du bist als Diskussionsteilnehmerin und DJ zu dem Thema "Feminismus
und Clubkultur" eingeladen, erfährst erst am gleichen Abend,
dass du direkt vor der Dikussion vor 200 Leuten, für circa 20 Minuten
an den Plattentellern dein "Können" beweisen sollst.
Als du dieses ablehnst, wirst du von den Veranstalterinnen vor die Möglichkeit
gestellt mit den "Jungs" zu reden die nach der Diskussion
den Rest der Nacht das Haus rocken sollen. Diese, vor deine Problematik
gestellt, sagen, Originalzitat: "Wir können nicht weniger
als 2 Stunden pro Nase auflegen, da kommt man ja sonst nicht in Stimmung,
deswegen können wir dir keine Zeit abgeben........ du verlangst
eine devote Haltung von uns, wir lassen uns nicht unterbuttern".
Und so weiter und sofort, ich könnte diese Liste endlos weiterführen.
Hallo Volker, ich hab noch eine Frage an dich: Kannst du dir vorstellen,
dass ich mir ganz fest vornehme, dem nächsten Typ, der sich sowas
bei mir erlaubt, ganz einfach die Eier abreissen werde?
Ok, genug gesplattert. Dafür noch einen ganz heissen Tip aus Luka
Skywalker`s Knigge für den Umgang mit DJ`s. Respect ist, wenn sich
Mann, nach einem Gig von dir ganz höflich bedankt, für den
netten Abend und die gute Zeit, die er mit dir gehabt hat. Das passiert
mir zum Glück ziemlich häufig in meiner Residenz im Golden
Pudel Club. Wenn dem nicht so wäre, hätte ich mir sicherlich
schon eine Knarre gekauft......................
So weit so gut. Volker sitzt jetzt im Zweifel bleich und zitternd vor
diesem Artikel und traut sich nicht mehr vor die Tür.
Wenden wir uns also Barbara Hallama zu, eine brilliante DJ, mit langjähriger
Erfahrung aus dem legendären "Ultraschall" zu München.
Zitat. "Gerade Frauen, die mit dem Auflegen anfangen, scheitern
häufig erst an mal an der Spezlwirtschaft-Hürde und halten
dies für eine Geschlechterhürde. Diese Hürde überwinde
man nicht mit weiblichen Netzwerken, sondern mit dem Glauben an die
Musik."
Es widerstrebt mir zutiefst, als Frau eine Frau öffentlich zu kritisieren,
aber da strotzt mir doch ein bischen zuviel Unreflektiertheit entgegen.
Allerdings ist auch hier ist eine gehörige Portion Skepsis gegenüber
dem Autor angebracht.
In dem Artikel von Volker Marquard, sind für Barbara nicht die
Netzwerke sondern der Glaube an die Musik ( Sounds fucking religious
to me ), der musikalische Backround und die Technik der Schlüssel
zum Erfolg. Und all das sei ja schliesslich Geschlechterunabhängig.
Wenn das Geschlechterunabhängig ist, dann ist alles, aber auch
wirklich alles Geschlechterunabhängig, und das einzige was Geschlechterabhängig
ist, ist das Geschlecht welches wir am Körper tragen. Schön
wärs !!!!!!
Leider sind wir noch lange nicht so weit, und ich ärgere mich schwarz,
wenn mir auf beiden Seiten der Geschlechter so viel Ignoranz entgegenweht.
Glaub mir Babara, man tut sich nichts gutes damit.
Mit äusserster Genugtuung las ich letztens im Flyer das Interview
mit Kemistry und Storm, den grossen Heldinnen des "Feminismus,
was soll denn das sein?", indem sie behaupteten, doppelt so gut
sein zu müssen wie ihre männlichen DJ Kollegen. Yes!! Eine
weitere Ikone der Ignoranz vom Sockel gestürzt. Herzlichen Glückwunsch
an Kemistry und Storm.
Als Kemistry kurze Zeit später bei einem Autounfall ums Leben kam,
konnte ich, in meiner tiefen Trauer, nicht umhin zu fragen, warum es
nicht Sven Väth oder Westbam getroffen hat.
Zurück zu Barbara. Hast du dir schon mal überlegt warum man
dir nur 50,- DM zugesteckt hat ( Sounds fucking, grosser Onkel gibt
der kleinen Babsi `nen Lolli to me ) obwohl 600 Gäste kamen? Ausserdem
was ist mit dem ach so reinen "Glauben an die Musik", wenn
du diesen Artikel liest ? Fällt dir was auf ? Kein Wort über
die Musik, Null, Njet, Niente, gibts nicht, gestrichen, einfach nicht
vorhanden. Hast du jemals einen Artikel über dich gelesen, in dem
es ausschliesslich um die Musik ging, und nur über die Personalpronomen
klar wurde, dass es sich bei dir um eine Frau handelt ? Ich erlaube
mir in deiner Abwesenheit für dich zu antworten: Niemals! Es geht
nie um die Musik, sondern immer nur um dein Geschlecht. Du wirst nur
deshalb interviewt, weil du eine Frau bist. Du kannst dir den Mund fusselig
reden über Musik, hinterher wirst du immer den gleichen Dreck zu
lesen bekommen. Auch hier gibt es wie damals mit Michael Ruff eine glorreiche
Ausnahme namens Christof Schreuf. Er hat es geschafft, in der Taz ausschliesslich
über Musik zu schreiben und mein Geschlecht schlicht und simple
einfach nicht zu erwähnen. Vielleicht kennst auch du die eine oder
andere Ausnahme, aber du wirst zugeben müssen, dass fast immer
das Gegenteil der Fall ist.
Der Artikel von Volker endet mit einem Zitat von Barbara Hallama, dass
mir schier die Sprache verschlagen hat: " Ein DJ-Set ist doch keine
Politveranstaltung. Man kann doch keine schlechte Musik spielen, nur
um die Quote zu erfüllen."
Uuuups! Wenn schon der Erwerb oder Nichterwerb einer U-Bahnkarte, der
Kauf eines Neger-versus Schokokusses und das Wort "Schachern"
in Zusammenhang mit Juden politisch ist, wie kann dann die Frage welchen
Plattenladen man frequentiert oder wem man Interviews gibt unpolitisch
sein? On Top auch noch die Königin der ganzen Unternehmen, nämlich
das DJ-Set als unpolitisch zu bezeichnen , scheint mir doch mehr als
fragwürdig. In meinem DJ-Set gibt es eine Quote, und zwar eine
Männerstimmenquote, und mein DJ-Set ist gut !!! Ich mache Politik
wenn ich gehe, stehe, rede und Musik mache. Wie frau schon seit den
70ern weiss, ist das Private politisch, und das gilt auch heute noch,
leider! Zugegebenermassen kann frau diesen Slogan in den 90ern mit ein
paar Abstrichen versehen, frau macht sich das Leben auch so schon schwer
genug. Wenn ein gekonnter Augenaufschlag immer noch einige Dinge vereinfacht,
soll das nicht mehr unser Problem sein, aber wie zum Teufel wollen wir
denn etwas verändern, wenn wir so tuen als wäre alles in Butter
?????!! Ich mache Politik und setze Statements wenn mir Typen beim Gig
blöde und respectlos kommen - ich bin mir sicher, dass auch du,
Barbara, das von Zeit zu Zeit nötig hast.
Und jetzt wirds richtig interessant. Ich kann die ganzen Kemistry und
Storms und Barbara Hallamas verstehen, mit ihrer Angst, als verknöcherte,
oder gar frigide ( schlimm genug, dass es dieses Wort überhaupt
noch gibt ) Emanzen abgestempelt zu werden. Hab ich doch selber so einige
Jährchen im Musikbuisness verbracht, bis es mir dann endlich zu
bunt wurde, und ich meine Musik als Kunst nicht mehr aus der Politik
heraushalten konnte und wollte. Es ist mir nicht leicht gefallen zu
verstehen, dass die Emanzipation des Mannes immer noch in den Kinderschuhen
steckt, und wir Frauen nach den 70ern ersteinmal eine Verschnaufpause
brauchten. Aber das Potenzial und das Bedürfnis ist da. Das habe
ich ganz deutlich auf der "Berlin Beta", einer Musikmesse
in Berlin im August`98 gespürt, als ich mit einigen anderen Frauen
öffentlich über "Feminismus und Clubkultur" diskutiert
habe. Die Diskussion selber ist schwer in die Hose gegangen, so waren
wir auf einige, zum Teil mittelalterliche Argumente überhaupt nicht
vorbereitet. Über den "Tip" eines mittelalten Herrn (sinngemäss):
"Wir sollen uns doch nicht so stressen, zu Hause bei der Familie
ist es doch viel gemütlicher", will ich mich hier garnicht
erst auslassen. Nur soviel dazu, wenn ich mich im Vorfeld nicht so schrecklich
hätte aufregen müssen ( s.o. in der Textstelle "Anekdötchen
zum Thema....." ), und über das selten dämliche Vokabular
wie z.B. "devote Haltungen" von männlichen DJ`s gegenüber
weiblichen DJ`s hätte auseinanderstzen müssen, wäre ich
wahrscheinlich aufgesprungen und hätte dem Idioten ganz einfach
die Fresse poliert. So blieb ich einfach sitzen, kämpfte mit aufwallenden
Herzrythmusstörungen und dachte, dass kann doch alles nicht war
sein! Bald darauf fühlte ich mich von der Eckkneipe direkt in eine
teetrinkende Lilalatzhosen Frauenselbsthilfegruppe versetzt, als ein
junger Mann das Wort ergriff: "Ihr redet die ganze Zeit von Netzwerken
und der damit verbundenen Macht die ihr dadurch zur Verfügung hättet,
ist euch garnicht klar das Macht, kapitalistisch und patriachalisch
ist?". Auch an dieser Stelle war ich sprachlos und ich konnte nur
sowas stammeln wie "Ist das nicht ein bischen viel verlangt für
eine Frauengeneration? Eins nach dem andern, wenn wir die Macht gleichmässig
aufgeteilt haben können wir uns ja um die Abschaffung des Kapitalismus
zusammen kümmern." Daraufhin ging ein Murmeln durch den Saal
und ich hörte Fetzen wie, "Ach Gott, die Armen"und "Nun
sind sie wieder die Opfer....."
Trotz dieses Desasters sind danach etliche Frauen zu mir gekommen und
haben mir gratuliert für den Mut, dass eine oder andere endlich
mal ausgesprochen zu haben. Viele hatten schon den Glauben daran verloren,
dass soetwas wie Feminismus überhaupt noch existiert, geschweige
denn im Musikbuisness.
Nichtsdestotrotz, gestehe ich, manchmal zu sehr die negativen Seiten
zu sehen und zusehr eine Art Opferhaltung zu repräsentieren, wenn
ich mir später alles nochmal durch den Kopf gehen lasse oder über
mich lese. Das ärgert mich dann immer, weil ich für meinen
Teil weiss, dass ich weder verknöchert noch frigide bin und durchaus
etwas Humor besitze. Selbst ich glaube an soetwas wie Musik. Ich habe
die Musik, als Ausdrucksmittel, nicht gewählt, um damit Politik
zu machen, sondern bin über die Musik wieder zur Politik zurückgekommen.
Ich liebe Musik, und manchmal denke ich, dass ich ohne sie nicht leben
könnte. Trotzdem hätte ich einfach Schwierigkeiten, morgens
in den zu Spiegel gucken, wenn ich mir das Leben so leicht machen, und
nicht ständig irgendwo einen Aufruhr verursachen würde, um
"unsere Sache" zu vertreten.
Ich komme dem Mysterium, im Interview eine positive Grundhaltung zu
vermitteln, immer näher. Ich verwende jetzt mehr Zeit darauf klarzumachen,
dass es mir in erster Linie um die Musik und den Spass dabei geht. Früher
bin ich davon ausgegangen, dass das die Voraussetzung dafür ist,
Musik zu machen. Mittlerweile betone ich das alles nochmal extra zum
Mitschreiben.
Aber frau muss schwer auf der Hut sein. Ist es mir doch erst letztens
mit Marianne Wellershoff vom Spiegel passiert, dass wir wirklich ein
sehr nettes Gespräch hatten, und sie mir den Artikel für das
Buch "Die widerspenstigen Töchter, für eine neue Frauenbewegung"
( Kiwi ), sogar vor Abdruck zu lesen gab, was sehr ungewöhnlich
ist. Ich war sehr froh darüber. Der Artikel war gut, aber am Ende
hatte sich ein wahrer Klopper darin versteckt. Sie war extra nochmal
in den Golden Pudel Club gekommen, um mich auflegen zu hören, hat
dort fleissig mitgeschrieben und beobachtet. Und dann Padautz, Fehler
von mir! Ich sagte ihr, dass sie heute nicht meinen besten Tag erwischt
hatte, ich mich nicht so gut fühlen , weil ich meine Periode bekommen
habe, sozusagen von Frau zu Frau. Das las ich dann eins zu eins in dem
Artikel wieder. Ich sagte ihr, dass mir das nicht gefällt und sie
meinte: "Wieso, das stimmt doch!". Ja, klar stimmt das. Aber
hier gehts um Politik, und nicht darum, ob ich Unterleibskrämpfe
habe. Ich lasse mich ungern auf meinen Unterleib reduzieren, selbst
wenn er mir das Leben 2-3 Tage pro Monat schwer macht. Man stelle sich
die Folgen vor, da verhaut frau einen Mix und schon hat sie ihre Tage,
oder was ?! Später, als das Buch erschienen war, blätterte
ich neugierig meinen Artikel nach, und las einen faulen Kompromiss dessen,
was wir besprochen hatten. "....und dann holpert der Übergang
doch. Ärgerlich. Ich habe Bauchschmerzen, sagt Luka, und ich fühl
mich schlapp heute......" Man muss wirklich aufpassen wie der Teufel,
sag ich euch !!!!!!!
So, jetzt ist es raus.
Dass einige Frauen auch gleich ihr Fett weg gekriegt haben liegt wohl
daran, dass es für uns auf der einen Seite immer so eine frickelige
Gratwanderung zwischen Beschwerde (also Opferhaltung), und dem Bedürfnis
auf der anderen Seite cool zu bleiben und gleichzeitig einer ganzen
Armee von Wichsern in den Arsch zu treten, ist. Diese Gratwanderung
ist nicht selbst gewählt, sondern produziert, unter Genderaspekten
hochinteressant, und verlangt eine ernsthafte Auseinandersetzung. Die
grösstenteils platte und dumme Art mit der sich Journalisten an
dieses Thema heranmachen, ist katastrophal und rückwärtsgewandt.
Fast könnte man sie mit kindlicher Neugier beschreiben. Das Problem
ist nur, hier handelt es sich um Männer mittleren Alters, denen
diese Thematik nicht neu seien dürfte.
Jetzt habt ihr endlich schwarz auf weiss, was ihr immer von mir wissen
wolltet. Können wir jetzt mal endlich anfangen, über die Musik
zu reden ?!!!
S.a. in diesem Heft, Plattenkritiken zu den Vermoosten Vlöten und
den Patinnen Teil II
oben
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