"......und sein grosser, unbeschnittener Penis räkelte sich faul, so majestätisch auf seinen Hoden wie ein Flussgott auf moosigen Felsen.........."

Onkel Edmund nimmt Abschied

Wenn Edmund White Abschied nimmt, setzt er sich ganz gemütlich in einen grossen Lehnsessel und fängt an zu erzählen. Wenn du das zulässt, solltest du dir Zeit nehmen und es dir ebenfalls gemütlich machen, das Telefon aus der Wand reissen, genug Tee und Whisky im Haus haben, dir ein grosses Kissen in den Rücken stopfen und los geht`s!
Onkel Edmund ist 1940 geboren und hat ein langes und sehr bewegtes Leben hinter sich. Er hat die Anfänge des Village in den späten 50ern in New York miterlebt, wo sich die "Sissys die Pussys aneinander rieben", sich verprügeln lassen und ihre sexuelle Neigung verstecken mussten. Und da er wusste wie furchtbar es ist, nie offen flirten zu können und beim Sex immer die Angst haben zu müssen erwischt zu werden, konnte er auch die Zeiten nach "Stonewall" richtig geniessen!!
"Das `Mineshaft` war ein neuer Sexclub im Fleischgrosshandeldistrikt. Die ganze Gegend war schlecht beleuchtet, abgesehen von vom plötzlichen Feuerschein in einem Ölfass an der Bordsteinkante, an dem sich die Schlachter die Hände wärmten....................
Der Eingang zu dem Club befand sich am oberen Ende einer langen Treppe. Dort sortierte ein Typ auf einem Hocker die Unerwünschten aus - Männer mit Eau de Cologne oder Seidenhemden oder Sportjacketts - und liess die ein, die nach nichts als Leder, Schweiss, und Bier rochen. War der Gast drinnen, konnte er seine Klamotten komplett an der Tür zur Aufbewahrung geben oder alles, bis auf seine Stiefel und den Jockstrap, oder er konnte völlig bekleidet bleiben, allerdings war an den Jeans oft der Hosenboden rausgerissen, sodass der nackte Hintern rausguckte, und die T-Shirts waren im Allgemeinen absichtsvoll zerfetzt. Der Junge an der Garderobe verteilte ausserdem Pappbecher, die mit Crisco, einer Gleitcreme, gefüllt waren..........."
Wenn dieser "Heaven on Earth" auch nur gut zehn Jahre andauerte, bis die "Schwulenseuche" Anfang der Achtziger ausbrach, war dieser Mann kein Kind von Traurigkeit, nach eigenen Angaben fickte er mit meheren hundert Männern pro Jahr. Auch Rosa von Praunheim prahlte mit solchen unfassbaren Zahlen, und sie haben darüber hinaus auch eine weitere Gemeinsamkeit. Die Rezensentin möchte sich hier nicht falsch und mit erhobenem Finger verstanden wissen, aber beide verhehlen nicht, dass sie dadurch auch ein echtes Problem hatten eine Beziehung zu führen. Beiden gelang es erst im Alter sich dauerhaft mit einem Mann zusammenzutuen. Edmund White erkannte dieses "Manko" aber auch als Chance, alte Beziehungsformen, wie die klassische Ehe neu zu überdenken und evt. neue zu kreieren. In diesem Sinne ist er ein absoluter Feminist, wobei frau nicht oft genug sagen kann, dass es ja eigentlich keine Männer gibt die sich so nennen dürfen. Bei schwulen kann man da mal `ne Ausnahme machen, sie werden von der Gesellschaft zur Gewalterfahrung gezwungen weil sie zwar nicht für Hautfarbe und Geschlecht, aber sehr wohl für ihre Sexualität verfolgt werden. Ausserdem haben sie Erfahrungen darin sich zum Objekt zu machen, wenn auch auf freiwilliger Basis. Sexpraktiken und Zustände die Frauen sehr gut kennen und wo sich der durchschnittliche heterosexuelle möchtegern-feministische Mann lieber ein Bein abhacken würde, als sich penetrieren, oder zum Objekt machen zu lassen. Schliesslich ist die sexuelle Befreiung dazu da sich selber Rollen aussuchen zu können, sei es die der Hure oder Madonna, und neue erfinden zu können und sich zum Subjekt zu machen. Edmund White gehen zwar die Frauen im weitesten Sinne am Arsch vorbei, ausser vielleicht fünf oder sechs, Mutter und Schwester eingeschlossen, dennoch interessiert ihn die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Er analysiert da scharf, bemitleidet oder verachtet an den richtigen Stellen.
Ein weiterer Grund Edmund White absolut symphatisch zu finden, ist seine unprätenziöse Art antrassistisch und als Amerikaner philosemitisch zu sein. Ich mag es sehr, wenn Autoren in ihren Biografien kleine Anekdötchen und Geschichtchen einfliessen lassen, die eindeutig politischen und Gesellschaftskritischen Charakter haben ohne dabei moralisch zu wirken. Ich hatte beim lesen seiner "Abschiedssymphonie" das Gefühl, dass es ihm wirklich wichtig war nochmal schwarz auf weiss abzuliefern, wo er steht, nachdem er sich ja in jungen Jahren standhaft geweigert haben soll soetwas wie politisches Denken überhaupt zuzulassen. Da war dann doch zuviel Spass am Start, um sich durch solchen Quatsch die Laune verderben zu lassen. Ne, mal im Ernst, ich halte Edmund White für einen tollen und ernsthaften Schriftsteller, der sich schlussendlich der Macht der Publikation bewusst wurde und sie absolut gewissenhaft nutzte.
Der Abschluss der autobiographischen Romantrilogie wirft Fragen auf, macht Lust darauf mehr um das Thema herum zu erfahren, hat ausreichend Links zu anderen schwulen Schriftstellern, und geschichtlichen Ereignissen. Das perfekte Buch um es nicht nur dem offenen und interessierten Jugendlichen unter den Weihnachtsbaum zu legen!

oben