Und
die Punks trugen doch Tennissocken, fragt sich bloss wo.
Oder, wie verträgt sich die Handweberei mit Punkrock?
Endlich war ich wieder
in der grossen Stadt.
Drei Jahre zuvor musste ich mit meinen Eltern aufs Land ziehen, und
seitdem hatte ich nichts anderes im Kopf, als dorthin zurückzukehren.
Jetzt wohnte ich in einer kleinen Junggesellinnenwohnung hinter der
Bielefelder Uni, hörte nachts John Peel auf BFBS und tapte mir
alles mit, was ich von dieser neuen, fiesen Musik kriegen konnte.
Zwei Jahre hatte ich in einer Hippiekommune gewohnt, mit meinen Eltern
im Gemeinschaftsschlafraum gelebt, in der Gemeinschaftsküche gegessen,
in der Kneipe oder draussen vor der Waldbühne Partys gefeiert bis
spät in die Nacht. Es war immer jemand für mich dagewesen
und das war auch der Grund, warum ich mich dort so wohl gefühlt
hatte.
Dann wollten meine Eltern ein ruhigeres Leben führen. Ausserdem
hatten sie grosse Angst um mich, dachten ich wäre verzogen, könnte
mich nicht mehr in die Gesellschaft einfügen, so wie sie es beschlossen
hatten, zu tun.
So sass ich da, und hätte schreien mögen, aber da niemand
mich gehört hätte, liess ich es bleiben, und entwickelte langsam
aber sicher einen immensen Hass gegen alles, was angepasst war und kein
Aufsehen erregte. Ich wollte selbst rebellieren, und nicht dann und
vor allem so, wie es meinen Eltern in den Sinn kam. Ich verabscheute
alles, was mit Ökoanbau, Grillfesten, Plumpsklos, Abbeizen von
Kiefernmöbeln und Tierhaltung zu tun hatte.
Trotzdem trat ich nach Beendigung der Schule eine Handweberlehre an.
Und das war gut so, denn die Werkstatt war in der grossen Stadt, und
so fuhr ich jeden Tag in meinem fliederfarbenen Kleid und mit Blümchen
im Haar - ich liebe Blumen über alles - auf einem Hollandfahrrad
zwanzig Kilometer zur Arbeit.
Nach einem kurzen aber heftigen Streit mit meinen Eltern war klar, dass
ich ausziehen wollte, schliesslich hatte ich einen Arbeitsweg von mehr
als drei Stunden und so lag es nahe, dass ich eine Wohnung in der Stadt
beziehen durfte.
War das aufregend! Endlich aus der weiten Enge des Landlebens entflohen,
schrecklich jung und doch ziemlich erfahren für mein Alter, schliesslich
hatte ich schon einiges hinter mir mit meinen sechzehn Jahren, konnte
ich mich plötzlich völlig frei bewegen und unkommentiert Dinge
tun, die mir wichtig erschienen.
So streunte ich in der Stadt herum, untersuchte alles und sog den Geruch
und die Atmosphäre in mich auf.
Auf dem Dachboden eines alten Abrisshauses fand ich Stapelweise alte
Sounds, eine Musikzeitschrift, die genau über diese Bands berichtete,
die ich nachts bei John Peel hörte. Stolz über diesen unerwarteten
Informationsschub, schleppte ich meine Beute nach Hause. Super! Endlich
gab es Bilder zu der Musik und auch Bilder von der Mode. Kurze stachelige
Haare hatten sie, ihre Lederjacken waren mit Buttons gepflastert, sie
trugen zerrissene Hosen und Netzhemden.
In Ermangelung von Erfahrung, wie man Buttons macht, schnitt ich Fotos
aus der Sounds aus und klebte sie auf runde Päppchen, kaufte mir
im Bastelladen Sicherheitsnadeln und Sekundenkleber und stellte so meine
ersten Anstecker her. Eine Lederjacke hatte ich schon, nur die Haare
wollte ich mir noch nicht schneiden, das war ein zu grosser Schritt,
fand ich, band die lange Mähne zu einem Zopf zusammen und steckte
sie vorerst hinten in den Kragen.
So ausgerüstet, traute ich mich das erste Mal auf ein Punkrock
Konzert.
Es hingen handgemalte Plakate an strategisch günstigen Plätzen
in der Stadt:
"AHEADS, OUT OF ORDER, NEUROTIC ARSEHOLES, NOTDURFT - KONZERT IN
DER WALDE" stand darauf zu lesen, da wollte ich hin!
Man mag ja über das Bielefeld in den frühen Achtzigern denken
was man will, aber zumindest hatte es zwei besetzte Häuser, das
Jugendzentrum AJZ und eine alte Fabrik in der Waldemarstrasse, wo Leute
wohnten, arbeiteten, sich trafen, Aktionen planten und halt eben Konzerte
veranstalteten. Es war ein bißchen so wie in der Kommune, wo ich
einige Zeit meines Lebens verbracht hatte, und deshalb doppelt spannend
für mich, dorthin zu gehen. Einen von damals sollte ich da sogar
wiedertreffen. Wilhelm, ein alter Berber, der immer für alle kochte
und die Idee hatte, in dem grossen Garten der Kommune zwei Badewannen
aufzubauen. Darunter war ein länglicher Ofen, der angefeuert werden
musste, um das Wasser zu erhitzen. Das war Wilhelms Job, und manchmal
tat er tagelang nichts anderes. Man konnte sich also im Haus ausziehen
und im Bademantel den langen Weg an den Kaninchenställen, dem Frühstücksplatz,
wuchernden Büschen und einer kleinen Hütte vorbei laufen,
um dann komplett durchgefroren in die Wanne zu springen.
Während einem die Schneeflocken aufs Gesicht fielen und man den
Mond und die wehenden Wipfel der Bäume über sich betrachten
konnte, lag man im warmen Wasser, entweder zu zweit, um sich ein wenig
zu unterhalten, oder alleine. Jeder liebte diesen alten Mann, und man
machte sich hinter vorgehaltener Hand Gedanken über seinen Gesundheitszustand,
schliesslich war er Alkoholiker, und wenn er nicht genug zu trinken
bekam, sah er weisse Mäuse, dann ging`s ihm gar nicht gut.
Es dauerte ein bißchen bis ich den Eingang gefunden hatte, er
war auf der hinteren Seite der Fabrik. Draussen lungerten ein paar Punks
rum und beäugten mich etwas zu interessiert für meinen Geschmack.
"Egal, da musst du jetzt durch!" dachte ich mir, und bezahlte
mit zitternden Händen das Geld, welches man am Eingang von mir
verlangte. Es sind sicherlich nicht mehr als 8 DM gewesen, aber natürlich
hatte ich das Gefühl, mächtig über den Tisch gezogen
zu werden. Dafür war das Bier billig. Und das war auch gut so,
denn es gab ja nichts anderes zu tun, als mit einer Bierflasche irgendwo
in der Ecke zu stehen, möglichst cool auszusehen, und vor allem
nicht aufzufallen, jedenfalls vorerst nicht, bis die Lage gecheckt war.
So stand ich da, an einen Pfeiler gelehnt, mit einer Bierflasche in
der Hand und beobachtete die Szenerie. Die Post ging eher draussen ab,
drinnen waren nur wenige, die sich ein Bier holen wollten, ein bißchen
rumpöbelten und dabei Kotz- und Furzgeräusche von sich gaben.
Einer war sehr lang und dünn, hatte fast keine Zähne im Mund
und ein knielanges , langärmeliges Netzhemd aus topflappengrossen,
gehäkelten, neonfarbenen Quadraten an. Er skandierte soetwas ähnliches
wie: "Schneidet allen Hippies die Haare ab!" Oh, mein Gott,
und da stand ich mit meinen arschlangen Haaren, die hinten in der Lederjacke
versteckt waren. Aber solange ich mich nicht von meinem Platz an der
Wand gegenüber der Tür wegbewegen musste, war ja alles in
Ordnung. Der Raum war nichts weiter als eine Betonhalle mit Pfeilern.
Der einzige Schmuck waren politische Parolen, die von rechts nach links
immer kleiner werdend in den Farben Rot und Schwarz an die Wände
gesprüht waren. Links von mir war die Bar, ein Tapeziertisch, mit
einigen Kisten "Herforder Pils" dahinter, rechts die Bühne,
bestehend aus ein paar Paletten, wo man ungleiche Bretter drüber
gelegt hatte, darüber eine nackte Neonröhre. Das Schlagzeug
war schon aufgebaut und ein Bassverstärker stank links auf der
Bühne, sonst nichts. Soviel wusste ich damals schon, dass das nicht
reichen würde. Ich harrte also der Dinge die da hoffentlich noch
kommen sollten.
Wenig später nahm ich ein grosses Gerumpel und Gekreische an der
Tür wahr, das restliche Equipment und die Hauptband kamen endlich.
Jetzt sollte es losgehen. Die Punks stellten sich vor der Bühne
auf. Es waren übrigens wenig Frauen da, nur bei Notdurft spielte
eine mit, wie ich dann später erfuhr. Dieses Kraftbündel von
Frau war die einzige ausser mir, machte dafür aber Krach für
mich und zehn weitere zusammen.
Endlich war es soweit, nach endlosem Gefeedbacke der Gitarre, und Testen,
ob der Bass überhaupt Töne von sich gab, ging's los. "Hey,
we are Out of Order!!! onetwothreefourbummkrachscheppperklirrkreischzetermordiobaratzzong!!!!"
Das war der erste Song und der Mob war begeistert und kreischte: "Schneller,
Härter!" Ich stand noch immer an der Wand und war geschockt
und begeistert zugleich, völlig verwirrt von diesem mörderischen
Krach, den die drei da produzierten.
Als die Band fertig war, hatte ich mich an den Sound gewöhnt, mein
Herz schlug nicht mehr unkontrolliert und heftig. Es pumpte mich eher
voll Energie, liess mich stärker und neugieriger werden....
In der Umbaupause standen alle rum und tranken noch mehr Bier und unterhielten
sich. Mittlerweile hatte ich mich etwas weiter vorgewagt, sozusagen
in die zweite Reihe vor dem Bühnenrand, um mir nichts entgehen
zu lassen, als sich plötzlich ein seltsamer Typ vor mir aufbaute.
Er hatte einen unverhältnismässig grossen Kopf, seine Lederjacke
war zugeknöpft, und er stierte mich und meine selbstgebastelten
Buttons an. Studierte mich geradezu. Klar wurde ich unsicher und trat
von einem Bein aufs andere, als er mich fragte, ob ich tauschen wolle.
"Wiebitte?" - "Naja, willst du Buttons mit mir tauschen?
Ich finde deinen Sid Vicious Sticker super und würde dir dafür
diesen Crassbutton bieten!!!" Ich war so verdattert, als wenn er
mir gerade Sex angeboten hätte, und da ich noch ein braves Mädchen
war, verneinte ich. Trotzdem blieb der Typ vor mir stehen und fing plötzlich
an, über das ganze Gesicht zu grinsen. Ich runzelte die Stirn und
erschrak mich zu Tode, als er völlig unvermittelt mit einer derart
exhibitionistischen Geste die Jacke aufriss, dass ich natürlich
auf seinen Hosenschlitz starrte, in den er bestimmt drei Paar Socken
gesteckt hatte. Mein Kopf wurde tomatenrot und ich wusste nicht mehr
wo ich hingucken sollte, als er sich laut lachend von mir abwandte.
So stand ich da wie ein begossener Pudel und wollte mir natürlich
auch nicht die Blösse geben, auf der Stelle zu verschwinden, am
besten gleich sofort dort in den Boden. Nein, ich blieb wie versteinert
stehen und dachte nur, "das ziehst du jetzt durch!!"
Zum Glück stand schon die nächste Band, die Aheads, auf der
Bühne und schickten sich an loszulegen. Die Aufmerksamkeit, so
dachte ich, würde sich jetzt also wieder von mir abwenden, und
so geschah es auch.
Der Sänger der Aheads war gut zwei Meter gross und hatte kurzgeschorene
blonde Haare. Gleich als erstes schmiss er sich in die Menge, unterlegt
von unverständlichem Gebrüll auf Englisch. Die Menge tobte
und fing an zu pogen und ich konnte mich gerade noch an die sichere
Wand retten. Beim zweiten Stück sprang der Sänger nicht nach
vorne sondern in die Höhe und riss dabei die Arme hoch und erreichte
damit eine Höhe von mehr als drei Metern. Ob gewollt oder ungewollt,
das vermochte ich nun wirklich nicht mehr zu beurteilen, zerschmetterte
er bei der Aktion die einzige Beleuchtung des Raumes. Die Neonröhre
explodierte, Splitter fielen auf die Punks und der Raum war dunkel.
Irgendwie war bei der Aktion die Sicherung rausgeflogen, so dass es
gleichzeitig auch still wurde, nur der Schlagzeuger spielte noch ein
paar Takte weiter bis auch er merkte, dass da was nicht stimmte. Das
Gepöbel der Punks war gross, aber niemand wusste, wo der Sicherungskasten
war.
Während der ganzen Zeit stand ich an der Wand und wartete darauf,
dass sich meine Augen an das Dunkel gewöhnten. Als man den Ausgang
auf der anderen Seite der Halle ausmachen, und einigermassen unbeschadet
hindurch gehen konnte, verliess ich die Szenerie........
Das Out of Order und die Aheads aus in Westfalen stationierten, englischen
Soldaten bestanden, erfuhr ich erst später. Die Tommys waren halt
diejenigen, die den Punk aus England mitbrachten, von ihren Heimaturlauben,
und Bands gründeten, um dann auftreten und jede Menge Bier in sich
reinschütten zu können, wenn sie ein paar Tage frei hatten.
Die Neurotic Arseholes kamen aus Minden, der komische Kerl mit dem grossen
Kopf und den dicken Eiern spielte dort mit. Notdurft kamen aus Bielefeld
und Carola spielte Gitarre in der Band. All diese Leute sollten wenig
später bei mir in der Küche sitzen, Musik hören und saufen,
bis nix mehr reinging, während ich mit dem Netzhemd, welches ich
dem langen Dünnen ohne Zähne inzwischen abgeschnackt hatte,
zur Arbeit ging. Dort sass ich, mit ebendiesem Netzhemd, mit an den
Seiten mit Sicherheitsnadeln zusammengehaltenen Pyjamahosen und regenbogenfarbenen,
kurzen Haaren am Webstuhl und verwebte handgesponnene, handgefärbte
Wolle.
Lange nachdem ich beschlossen hatte, nicht mehr länger Punk zu
sein, und mich anderen Musikrichtungen widmete, sah ich noch das einstmals
bunte Netzhemd an verschiedenen alten Freunden grau werden.
erschienen 2000, im
Schwartzkopf & Schwartzkopf Verlag, "The Boys are back in Town".
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