Blues
Geschichte und Geschichten
Carl-Ludwig Reichert
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Gleich anfangs outet sich Reichert, seineszeichens Zündfunkmoderator als Cpt.Beefheart Fan, was meine anfängliche Skepsis gegenüber dem Autor - weil weiss, bayerisch und selbsternannter Bluesexperte, was bekanntlich eine gefährliche Mischung ist -schnell in Wohlwollen umkehrte. Bald beweist er sogar, das er gendergeschult ist und hat ein paar Neuigkeiten parat. Wer wusste z.B. das Louis 'Pausbacke' Armstrongs Frau Lil Hardin eine bekannte Pianistin war, oder das die allererste Bluesplatte 1920 von einer Frau namens Mamie Gardener Smith aufgenommen wurde. Er erwähnt die Biografien von z.B. Memphis Minnie 'Woman with Guitar' (1992) und zitiert fleissig Angela Davis 'Blues Legacies And Black Feminism' (1998).
Er zitiert überhaupt viel, gibt seine Quellen an und verschweigt nicht was er von ihrem politischen Backround hält. So reflektiert er angenehm darüber wie sehr die Geschichte des Blues eine Geschichte der einzelnen "Blues-Ermittler" ist. Eigentlich sind es die beiden Lomaxe, wie Reichert sie zärtlich nennt, Vater und Sohn, die leider erst die 2. und 3. Generation des Blues vernünftig dokumentieren konnten. Erst 1935 gelang es z.B. Big Joe Williams als dem ersten Bluesmusiker, sich das Copyright für den eigenen Song zu sichern, was ihm ein einigermassen ruhiges Leben mit Eigenheim ermöglichte.
An anderer Stelle beschreiben die beiden, laut Reichert ausführlich, wie die 'kreative Buchführung' der Plattenfirmen damals funktionierte, um den grössten Teil der Einnahmen einbehalten, und die Musiker hungrig halten zu können. Willie Dixon war einer der wenigen der sich später tatsächlich das Copyright an circa 500 Songs gesichert hatte. Auf der anderen Seite weiss Reichert natürlich auch von traurigen Gestalten wie z.B. Elmore James zu berichten, der den Erfolg für seines Songs 'Shake your Moneymaker' der weissen Band Fleetwood Mac überlassen musste.
Das sich überhaupt Rock, Rock`n`Roll, Jazz, Pop und vieles mehr ordentlich im Blues bedient hat, sollte inzwischen zum Allgemeinwissen gehören. Dafür macht der Autor dann auch wichtige Abstecher um auf Urheber/Innen hinzuweisen. So nimmt er Partei für diejenigen die klauen dürfen wie Elvis Presley - 'dem weissen Neger mit Talent', und putzt andere wie 'Bill Schmalzlocke Haley' angenehm runter.
Immer wieder interessiert den Autor auch zu Recht der sexuelle Aspekt am Blues und vergisst nicht zu erwähnen, das z.B. Alberta Hunter und Bessie Smith Lesben waren und die Frauen eine sexuell sehr aktive Rolle eingenommen haben: 'Now your nuts hang down like a damn bell-clapper, and your dick stands up like a steeple, your goddam asshole stands open like a church-door, and crabs walks in like people!' (Lucille Bogan). Selbst auf sado-masochistische Strömungen kommt er zu sprechen und zitiert an dieser Stelle den allseits geliebten R.L.Johnson: 'I`m gonna beat my woman until I`m satisfied'. Ausserdem verschweigt er den Umstand nicht, das viele schwarze Musiker musikalischen und auch erotischen Kontakt zu Native Americans gehabt haben müssen. Einige der als afroamerikanisch geltenden Musiker sind mindesten zur Hälfte Native Americans. So sind die Nachfahren kanadischer Indianer für die musikalische Sparte Cajun verantwortlich.
Immer wieder fragt er nach den Gründen misslungener Rezeption: 'Es gibt seltsamerweise keine Publikationen über das Hokum-Phänomen (sexuelle Aufschneiderei). Das mag an der schizoprehnen Haltung des puritanischen Amerika zur Erotik liegen, aber selbst dort gibt es inzwischen wissenschaftliche Untersuchungen zum erotischen Liedgut.
Wahrscheinlicher ist es, dass es sich um ein Tabu der Political Correctness handelt, also um das 'Elder-Wilde-Syndrom', das schon im 18.Jahrhundert farbige Vorbilder westlicher Zivilisationskritik ihres Unterleibs beraubte.'
Tja, sowas will dann auch erstmal verdaut werden.
Ein klein bischen problematisch wird er leider am Ende, wenn er auf europäischen Blues und natürlich unvermeidlicherweise auch auf deutschen Blues zu sprechen kommt. Der Mann ist halt Bayer und der Meinung, das es auf dem Gebiet der Mundart noch einigen Nachholbedarf gibt. Da gibt er sich soviel Mühe den authentischen Blues zu beleuchten, zu recherchieren, unter Genderaspekten zu sehen bis hin zu dem Problem das immer noch wie damals die weisse Kulturindustrie am Blues verdient, und nicht die eigentlichen Protagonisten, und dann versaut ers am Ende doch noch.
Schade! Trotzdem sehr lesenswert! Man kann die letzten Seiten ja einfach weglassen, es sei denn man war in den 70ern Sparifankal-Fan, dann ist man auch hier genau richtig!
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