Sind die Mütter revolutioniert, so bleibt nichts mehr zu revolutionieren.
(Walter Benjamin über "Die Mutter" von Brecht)
'Die Zähmung' - Chronik einer Ehe
Gisela Elsner
Verbrecher Verlag (www.verbrecherei.de)
ISBN 3-935843-09-7
Gisela Elsner war eine schwierige Person, so erzählt man sich. Sie war eine Feministin, die dem Feminismus kritisch gegenüber stand und sie war Komunnistin, bis sie sich 1992 das Leben nahm, was bedeutet, dass sie sich nicht irgendwann - wie so viele andere - davon abgewendet hat.
Der Film ihres Sohnes Oskar Roehler, 'Die Unberührbare', zeichnete sie als tragisch gescheiterte Alkoholikerin. Ein scheinbarer Gegensatz zu ihrem Werk.
Stets verweigerte sie sich in ihren Büchern der gewohnheitsmäßigen, einfühlenden und konsumierenden Haltung der LeserInnen. Sich zurücklehnen und geniessen, das ist mit Gisela Elsner nicht zu haben. Sie forderte, und Sie forderte heraus. Und sie benutzte dabei nicht die Mittel der Satire oder der Parodie, die ein befreiendes Lächeln auf das Gesicht der KonsumentIn zaubern kann; das befreite Lächeln der Distanz.
Ihre Bücher sind seit Jahren vergriffen und leider hat sich seither kein Verlag mehr bereit erklärt ihre Sachen herauszubringen. "Die Zähmung" ist nun das erste Buch von ihr, welches dankenswerterweise von den VerbrecherInnen aus Berlin wieder neu aufgelegt wurde, und wir dürfen auf weitere Wiederveröffentlichungen hoffen. "Die Zähmung", diese Chronik einer Ehe, 1984 erstmals erschienen, handelt von einem Paar - sie arbeitet als Filmemacherin, ist schwanger, sorgt für die Einkünfte des gemeinsamen Haushalts und macht die Hausarbeit, er schreibt und langweilt sich:
'Mit einer gekünstelten Munterkeit begrüßte Alfred Giggenbacher, ein nahezu hünenhafter, zur Korpulenz neigender Mann, seine Frau, die mit zwei Tragetaschen hinauf zum dritten Stockwerk stieg. Obwohl es ihm mittlerweile schwer gefallen wäre, auf den Lebensstandard zu verzichten, den Bettina finanzierte, empfand er bei ihrem Anblick plötzlich Gewissensbisse, weil sie sich auch im neunten Monat ihrer Schwangerschaft nicht schonen konnte. Zu seiner Beunruhigung war sie an diesem Abend dermaßen blaß, daß die aufgeplatzten Äderchen, die in den letzten Wochen auf ihren Wangen aufgetaucht waren, auf eine unschöne Weise zur Geltung kamen. Unter ihren Augen, die sie mit einem Kajalstift umrandet hatte, waren dunkle Ringe sichtbar. Selbst ihr dichtes, flammend rotes Haar, das vorn über ihre zwar üppigen, aber ein wenig schlaffen Brüste herabhingen und hinten ihre Schulterblätter bedeckte, war strähnig und glanzlos. Nur ihr gedrungener Körper, dem ihr sich weit vorwölbender Bauch ein groteskes Aussehen verlieh, schien vor Energie zu strotzen ...'
Gisela Elsner führt uns damit direkt in das Wohnzimmer von Giggenbacher und Begemann, und wir sind unmittelbar abgestoßen von den Szenen, die sich uns dort bieten. Wir wollen uns echauffieren und uns einmischen, nicht Voyeure des Dramas sein, das da seinen Lauf nimmt. Wir sind ehrlich betroffen, erkennen uns wieder und sind davon angewiedert, sind auf uns zurückgeworfen.
Gisela Elsner benutzt den Brechtschen Verfremdungseffekt, um uns die Realität der Nach-68er um die Ohren zu hauen, dass es nur so kracht.
Die nun folgende Befreiung von Bettina Begemann aus dem emanziperten Joch der Doppelbelastung durch Reproduktion und Selbstverwirklichung durch Arbeit, ist nicht gerade eine Erlösung. Angewidert ist man da von der glatten Umkehrung der scheinbar "natürlichen" Verhältnisse. Man möchte die Hormone, die Giggenbacher später durch seine Hausarbeit und der Fürsorge fürs gemeinsame Kind Brüste an die Brust zaubern, verfluchen, möchte ihm den Arsch versohlen dafür, das er seiner Frau nicht den Arsch versohlt, ähem!!
Die ganze Fiesigkeit der linken, postmodernen und emanzipierten Gesellschaft spielt sich dort in der Wohnung eines mehrstöckigen Reihenhauses ab. Man möchte platzen vor Wut. Weil, es ist ja auch nicht einfach, wie soll man's denn nu richtig machen, wer hat die Lösung, gibt's die überhaupt? Es ist zum Kotzen:
'....Ohne ihre Hilfe stopfte er drei Paar Socken. Ohne ihre Hilfe zog er ein Gummiband durch den Bund einer Pyjamahose. Ohne ihre Hilfe nähte er einen abgerissenen Träger an einen von ihren Büstenhaltern..... Nachdem er dort (in der Küche) fast drei Stunden lang herumhantiert hatte, servierte er ihr ein Menue, das außer einer Markklößchensuppe, Wiener Schnitzel mit Petersilienkartoffeln sowie aus einer Erdbeerkaltschale bestand. Es schmeichelte ihm zwar , daß es ihr angesichts des Menüs die Sprache verschlug. Doch er war davon überzeugt, daß er sehr viel schwierigeren Aufgaben gewachsen war. Fast geringschätzig bezeichnete er das Menue als gutbürgerlich. Der Drang sich selbst zu überbieten hatte ihn gepackt. Es dauerte nicht lange, ehe er Bettina mit gefüllten Wachteln in Madeirasauce und flambierten Birnen verblüffte. Zu seiner Freude meinte sie, daß er, wenn er so weitermachte, bald ein Restaurant eröffnen könne. Um sie nicht zu entäuschen, tischte er ihr einen Tag später Fasanenpastete, Tournedos mit Sauce bérnaise und Pommes soufflées sowie Stachelbeersorbet auf. Sie schlang alles voller Gier in sich hinein. Aber sie machte bei weitem kein solches Aufhebens mehr um die Gerichte wie zuvor. Die anerkennenden Worte, die sie sich abrang, blieben so floskelhaft, daß Giggenbacher ein wenig gekränkt war ...'
Ich hätte Gisela Elsner posthum umarmen mögen, für ihre Fähigkeit die LeserInnen vom Sofa aufzuscheuchen und ihnen den Rückzug ins Private zu verstellen. Nichts ist nämlich gut, nichts erledigt, nichts geschafft. Lediglich das ganze Ausmaß der Fürchterlichkeit ist uns jetzt bewusst. Sie braucht kein Gerüst, sie beobachtet scharf und lässt die Begebenheiten glasklar erscheinen. Gisela Elsner richtet sich also auch gerade an die, die 'ohne Grund nicht denken'. Wer sich da zurückziehen will, hat es nicht besser verdient.
Auf gar keinen Fall sollte man es sich allerdings entgehen lassen, von ganzem Herzen über diese ganzen Schrecklichkeiten zu lachen, wenn der Verbrecher Sundermeier in eurer Stadt weilt und aus 'Die Zähmung' von Gisela Elsner zu lesen beliebt. Ein unvergessliches Ereignis, das ihr keinesfalls verpassen solltet.
'Die Zähmung' ist ein wichtiges und richtiges Buch und wenn ich Königin wäre, würde ich es unter 'Pflichtlektüre' filen.
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