am 06.05.02 Luka Skywalker`s Jazzbattle is featuring Reinher Karl um 20.00 Uhr Freies Sender Kombinat auf 93,0
oder Astrastube mit Radios ab 22.00 Uhr Astrastube
To the Bridge - Eric Dolphy ! Mögen sie Jazz? Kopfmusik nach der man nicht tanzen kann. Heißen Swing. Nerviges Gedudel. Jazzfrühschoppen. überhaupt Blasinstrumente. Take five. Akademiker. Mojo Jazz. Schmusejazz. Jazzmatazz. Vollbärtige Oberlehrer. Bestuhlte Konzerte. Drogensüchtige Musiker. Oder?
Eric Dolphy (1928-1964) war Jazzmusiker. Und er ist es, der für zwei Stunden herhalten muss, um alle Jazzklischees über den Haufen hinüber zuwerfen oder schonungslos zu bestätigen. Schließlich wird von ihm behauptet, er sei der Vollender des Bebop gewesen und Wegbereiter des Freejazz. Dem Nervenkostüm der Hörer und Hörerinnen wird also einiges abverlangt werden. Damit nicht genug, wird der Autor des Eric Dolphy Features nach der Sendung in die 'Astra-Stube' zu Luka Skywalkers 'Jazz Battle' überwechseln, um dort Tonträger von und mit Eric Dolphy abzuspielen, die in der zweistündigen Sendung keine Berücksichtigung finden konnten. Der Abend kann lang werden. Mehr als 50 LP`s und CD`s wurden für den Abend zusammengetragen.
Am 27. Juni 1964 kam Eric Dolphy in Berlin an, um zur Eröffnung des Jazz Clubs 'The Tangent' ein Gastspiel zu geben. Nach zwei Sets war er aus gesundheitlichen Gründen gezwungen, das Konzert abzubrechen. Sein Gesundheitszustand ließ kein weiteres Set zu. Am 29. Juni 1964 starb der Jazz Musiker an den Folgen einer schweren Diabetes im Alter von 36 Jahren. Zahlreiche Berliner Musiker spielten wenige Tage danach auf einem Benefizkonzert für den mittellos verstorbenen Eric Dolphy, um durch die Einnahmen die überführung des Leichnams in die USA zu ermöglichen. Die Jazzwelt war vom frühen Tod des Musikers geschockt.
Die Berliner Morgenpost titelte: 'Ein heller Stern am Jazzhimmel erlosch.'
In einem Interview mit dem Bassisten Charles Mingus, der mit Dolphy als Sideman seine wohl wichtigsten Aufnahmen einspielte, behauptete Mingus in seiner Trauer über den Verlust sogar, die Nazis hätten Eric Dolphy umgebracht. Vier Jahre zuvor war von den konservativen Gralshütern der Jazzkritik das Zusammenspiel zwischen Dolphy und John Coltrane als 'nihilistische übung' und 'Demonstration eines anwachsenden Trends des Anti-Jazz' zerrissen worden. Ein Jahr später war Dolphy "Poll Winner" des führenden Jazzmagazins Downbeat in der Kategorie Altsaxophon, dem Instrument Charlie Parkers, des wahrscheinlich immer noch unerreichtesten Altsaxophonisten und Miturheber des Bebop. Dennoch, Bebop-Veteran Sonny Stitt urteilte im selben Jahr über Dolphys LP 'Far Cry': 'Nein, ich mag diese Platte nicht, sie tut meinen Ohren weh', und der Trompeter Freddie Hubbard zitierte einen Club-Besitzer mit den Worten: 'Bring diesen Mann bloß nie wieder mit!' Von den Anhängern des aufkommenden sog. 'neuen' Jazz wurde seine Musik von Anfang an mit Begeisterungsstürmen empfangen. Viele eiferten seinem Spiel nach und gingen den Weg weiter zum freien Spiel, den Dolphy wahrscheinlich selbst nie gegangen wäre. Später revidierten auch die ehedem Konservativen ihre Meinung über Dolphy und heute gehört es zum guten Ton, Dolphy als Jazzer der ersten Liga in einem Atemzug mit Luis Armstrong und den anderen etablierten zu nennen. Es war Dolphy der der Drehtür zwischen Bebop und Freejazz einen Impulse gab, den andere Mitstreiter wie Coleman, Tayler oder Shepp aufnahmen. Wie kein anderer hetzte er seine Mitstreiter zu Höchstleistungen und entfachte durch sein Spiel und seine Ideen ein Feuer, das um mit den Worten John Coltranes zu sprechen, oft nur dann züngelte, wenn Dolphy seine Finger im Spiel hatte.
Dennoch hat Dolphy nie die Berücksichtigung in den Geschichtsbüchern gefunden, wie seine Mitstreiter Ornette Coleman, John Coltrane, Charles Mingus, Cecil Tayler oder etwa Archie Shepp. Bis heute existiert nur eine schmale und leider auch schale Biographie, zusammengestellt von typischen Plattensammlern, die mehr an eindimensionaler logistischer Vollständigkeit interessiert sind als an Zusammenhängen, während das Material über seine eben genannten Mitstreiter Bücherregale füllt. Sein Privatleben gab den Stoff nicht her, nachdem die Boulevard Blätter verlangen. Er nahm weder Drogen wie fast alle seine Kollegen, war kein Spinner wie Dizzy Gillespie oder sonderbar wie Thelonius "Sphere" Monk oder Sun Ra, egozentrisch, aggressiv und brutal war er auch nicht - siehe Charles Mingus oder Miles Davis, noch zeichnete er sich für Skandale verantwortlich oder tat sich als ein radikal politisch engagierter Schwarzer hervor, wie es Max Roach, Archie Shepp oder Abbey Lincoln vorlebten und die Spiritualität und Esoterik eines John Coltrane besaß er auch nicht.
Den Bebop überführte er naht- und bruchlos in den Free-Jazz und baute so eine gang- und haltbare Brücke vom Gestern ins Morgen. Als Instrumentalist war er eine exponierte Stimme auf dem Alt-Saxophon, ließ die Flöte singen wie einen ganzen Schwarm von Frühlings-Vögeln und führte die Bassklarinette in den Jazz ein. Sein Zusammenspiel mit gleich drei der wichtigsten Richtungsgeber der 60er brachte nicht nur ihn, sondern auch sie weiter, und wo so mancher andere Avantgardist auch privat als 'zorniger Mann, rasend vor Wut (Archie Shepp)' auftrat, da nahm er durch seine Herzenswärme selbst Leute für sich ein, die seine Musik als Antijazz diffamierten.
John Coltrane bemerkte nach seinem Tod:'Whatever I`d say would be an understatment. I can only say my life was made much better by knowing him. He was one of the greatest people I`ve ever known, as a man, a friend, and a musician.'
Der eigenbrötlerische Outlaw Charles Mingus, mit dem zusammen er einen Höhepunkt seines musikalischen Schaffens erreichte beschrieb Eric Dolphy folgendermaßen.
'Eric Dolphy was a saint - in every way, not just in his playing.'
Und ein afro-amerikanischer 'saint' ist wahrscheinlich nicht das, was die seit jeher von Weißen bestimmte Jazzkritik und das weiße Publikum bewundern möchte.
Kurz vor seinem Tod plante Eric Dolphy eine intensive Zusammenarbeit mit Cecil Taylor. Eric Dolphy hätte noch jede nur denkbare Zukunft offengestanden, hätte nicht ein plötzlicher und unerwarteter Tod seinem Leben mit erst 36 Jahren ein viel zu frühes Ende gesetzt.